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Augenpulver #25: Bücher im Juli

von Cornelia Hüsser • 01.08.2025

Juli ist Ferienzeit. Warum also den (dieses Jahr eher flüssigen …) Sonnenschein nicht mit einer guten Portion Grusel und Dystopie anreichern? Ausserdem: Ein Reisebericht, Rassismus-Satire und eine Millenial-Krise.

Nora Osagiobare: Daily Soap ★★★☆☆

Tonis Hautton fällt in die Kategorie Cappuccino Macchiato (Quelle: Bundesamt für die Rationalisierung Andersfarbiger anhand von Cappuccino bzw. Kaffee BARACK). Neben Rassismus plagen sie ausserdem chronische Kopfschmerzen und ihre Schwester, die (a) weiss und (b) in allem besser ist als sie. Derweil erleidet die Firma Banal & Bodega einen Shitstorm. Um die Rassismusvorwürfe zu entkräften, konzipieren sie eine Reality-Soap, in der ihr Sohn mit einem Schwarzen Partner gezeigt werden soll. Als sich die Wege der beiden Familien kreuzen, kommt es zu ungeahnten Verstrickungen …

«Daily Soap» ist ein witziger und temporeicher Roman, der sich an der Grenze zwischen Satire und Absurdität aufhält. Ganz dem heutigen Medienkonsum entsprechend passiert sehr vieles sehr schnell, die Witze geraten manchmal etwas arg flach, und die Wendungen sind an Skurrilität kaum zu übertreffen. Trotzdem entdeckt man auch immer wieder schlaue, gesellschaftskritische Seitenhiebe. Ich war gut unterhalten. Und: In diesem Buch kommt unser Lieblings-Nationalgericht Riz Casimir vor.

2025 • 288 Seiten • Kein & Aber • Bestellen

Mona Awad: Rouge ★★★☆☆

Belle ist besessen von Skincare – seien es Produkte, Videos oder die eigene, ausgeklügelte Routine. Als ihre Mutter auf mysteriöse Weise ums Leben kommt, reist sie nach Kalifornien, um das Erbe zu regeln. Auch Noëlle beschäftigte sich zu Lebzeiten obsessiv mit ihrem Aussehen. Als an der Beerdigung eine Frau, ganz in Rot gekleidet, eine seltsame Bemerkung zu den Umständen von Noëlles Tod macht, wird Belle in einen seltsamen Kult hineingezogen …

Ein Spa aus der Hölle bekommt man mit «Rouge» geliefert: Eine Sekte, die sich nicht nur mit Substanzen fragwürdigen Ursprungs die Haut verschönert, sondern mitunter einen viel höheren Preis von ihren Anhängern verlangt. Eine gute Bodyhorror-Story, die sich teilweise etwas zieht und wiederholt, insgesamt aber ein nettes Gruselgefühl hinterlässt.

2025 • 512 Seiten • btb • Bestellen

Mario Wurmitzer: Tiny House ★★☆☆☆

Emil wohnt in einem Tiny House in einer Musterhaussiedlung – und wird dafür bezahlt, dass er sich dabei filmen lässt. Doch als in der Siedlung Brände gelegt werden, muss er sich umorientieren. Über einen Bekannten gerät er in ein dubioses Start-up, das Alkoholkonsum und Wirtschaftsskandale gleichermassen zelebriert. Doch den wichtigen Fragen des Lebens kann er nicht für immer aus dem Weg gehen.

Dafür, dass «Tiny House» «Tiny House» heisst, fackelt das Tiny House relativ schnell ab und spielt ab da keine Rolle mehr. Sprachlich unspektakulär wird das Leben eines durchschnittlichen (so meine Interpretation) Millennials beschrieben, der zunächst ziel- und motivationslos durch seine Tage gleitet, irgendwann aber doch «erwachsen» wird. Dazu ein paar absurde Nebenfiguren aus der rechten Ecke, alles ist ein bisschen schräg, nichts will richtig zünden. Eine Erzählung aus dem Dunstkreise von Hirschls Content – einfach nicht meine Schiene.

2025 • 221 Seiten • Aufbau • Bestellen

Stefanie Sargnagel: Iowa ★★★☆☆

2022 reist Stefanie Sargnagel in die USA – genauer nach Grinnell, Iowa. Am hiesigen College soll sie Kreatives Schreiben unterrichten. Begleitet wird sie von der Musiklegende Christiane Rösinger, und bevor es am College richtig losgeht, erkunden sie gemeinsam die weite Leere des Agrarstaats.

Was sie finden, ist wenig überraschend: freundliche, übergewichtige Einheimische, fragwürdiges Essen, rückwärtsgewandte Glaubensgemeinschaften, abenteuerliche Fahrten im Greyhound-Bus. Sargnagels Blick auf den Mittleren Westen ist gewohnt sarkastisch, aber niemals böse. Parallel zur investigativen Tätigkeit denkt sie über das Altern, ihren Beruf und den aufkeimenden Kinderwunsch nach, was zu zusätzlichen feministischen Takes verleitet. Entstanden ist ein schönes Buch über kulturelle Unterschiede, Frauenfreundschaften und das Künstlerleben.

2023 • 304 Seiten • Rowohlt • Bestellen

Julia Armfield: Private Rites ★★★☆☆

Es regnet – und hört nicht mehr auf. Strassen und Häuser versinken im Wasser, U-Bahnen und Trams wurden von Booten und Fähren als städtische Hauptverkehrsmittel abgelöst. In dieser dystopischen Zukunft kommen nach dem Tod ihres Vaters drei Schwestern zusammen, die sonst nicht viel gemeinsam haben. Und selbst dieses fragile Band wird durch die Verlesung des Testaments auf eine Zerreissprobe gestellt …

«Private Rites» erzählt vom Leben dreier Frauen, die in einer zerfallenden Welt durch das junge Erwachsenenleben, queere Beziehungen und eine belastete Familiengeschichte navigieren. Der unterschwellige Grusel ist vorhanden, aber nicht so präsent wie in Armfields Vorgängerroman Our Wives Under The Sea. Der abschliessende Twist kommt darum eher überraschend (aber nicht weniger verstörend). Insgesamt ein eher ruhiges Buch aus dem Queer-Horror-Literature-Universum.

2024 • 327 Seiten • HarperCollins • Bestellen (Englisch)