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Augenpulver #27: Bücher im September

von Cornelia Hüsser • 04.10.2025

Drogenrausch in Oslo, Behördenwahnsinn in Kiew, Fitnesswahn im MEGA GYM: Der September führte in unerwartete literarische Ecken und lieferte so einige Highlights.

Verena Keßler: Gym ★★★★★

Ein neuer Job im MEGA GYM: Proteinshakes zubereiten, ein bisschen aufräumen, mit den Kunden quatschen. Der Chef und die Kolleginnen sind nett, Leistungsdruck gibt es keinen. Eigentlich perfekt – hätte sie sich nicht mit einer kleinen Notlüge ins Team eingeschlichen: Sie habe kürzlich erst entbunden und sei darum gerade nicht in Form …

… und das ist nicht das einzige Geheimnis der Protagonistin in «Gym». Als eine Bodybuilderin neu bei ihnen zu trainieren beginnt, steigert sie sich nicht nur allmählich in eine Obsession hinein, sondern legt auch Verdrängtes aus der jüngeren Vergangenheit frei. In rasendem Tempo befördert sie sich an die Schwelle zur physischen und mentalen Selbstzerstörung.

«Gym» ist der Schauplatz für Sexualisierung, Körperkult und performativen Feminismus. Je mehr die Erzählung fortschreitet, desto körperlicher (und ja, ekliger) werden die Beschreibungen – und spiegeln den inneren Zustand der Erzählerin wider. Es ist ein vielschichtiger Roman, der verschiedenste Denkanstösse liefert und lange nachhallt.

2025 • 192 Seiten • Hanser Berlin • Bestellen

Mareike Fallwickl: Liebe Jorinde oder Warum wir einen neuen Feminismus des Miteinanders brauchen ★★★★☆

Während junge Frauen zunehmend links und feministisch denken, wenden sich junge Männer rechtem und misogynem Gedankengut zu. Was bedeutet es heute für eine Mutter, einen Sohn grosszuziehen? Wie schaffen wir es, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen und Männer zu Verbündeten zu machen?

In ihrem Sachbuch in Briefform plädiert Mareike Fallwickl für Verständnis gegenüber Jungen und Mädchen, die unter dem Patriarchat aufgewachsen sind, ohne dies als Entschuldigung anzuführen. Feministische Ziele lassen sich nur gemeinsam erreichen. Natürlich greift das Büchlein mit 80 Seiten und luftigem Satz sehr kurz; es könnte aber eine solide Diskussionsgrundlage für junge Menschen bieten, die unter dem gegenwärtigen Zustand leiden, ohne die Ursachen genau benennen zu können.

2025 • 80 Seiten • Kjona • Bestellen

Oliver Lovrenski: bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann ★★★☆☆

Ivor, Marco, Jonas und Arjan sind keine Brüder im verwandtschaftlichen Sinne – aber sie verbindet eine tiefe, scheinbar bedingungslose Freundschaft. Ausserdem: Alkohol, Drogen und versiffte Nächte in Oslos Peripherie. Schnell werden sie von gelegentlichen Konsumenten zu Abhängigen und Dealern; berauscht von sich selbst geraten sie in einen Strudel aus Kriminalität und Gewalt, zusammen fühlen sie sich unbesiegbar. Bis einer von ihnen zu weit geht.

Oliver Lovrenski hat dieses Buch teilweise auf dem Handy getippt: Die «Kapitel» sind kurz, Gross- und Kleinschreibung existieren nicht, die Sprache ist durchzogen von Begriffen aus dem Kroatischen, Somali, Englischen und Arabischen. Man schaut dem Erzähler – und seinen Freunden – so mit unverstelltem Blick bei der Selbstzerstörung zu. Ein bitterer und tragischer, aber auch berührender Roman.

2025 • 256 Seiten • Hanser Berlin • Bestellen

Dmitrij Kapitelman: Eine Formalie in Kiew ★★★☆☆

Nach 25 Jahren in Deutschland beschliesst sich Dmitrij Kapitelman, endlich die Staatsbürgerschaft zu beantragen. Seine Beamtin, Frau Kunze, verlangt nur eines von ihm: Eine Apostille aus Kiew. (Das ist eine Beglaubigung, die eine Beglaubigung beglaubigt.) Also reist er in seine Geburtsstadt, mit der er nichts mehr verbindet ausser ein paar Kindheitserinnerungen. Und kommt dabei nicht nur einem trägen Verwaltungsapparat, sondern auch seinen Eltern wieder näher, die einst voller Hoffnung aufgebrochen und inzwischen unumkehrbar zerstritten sind.

Kapitelman erzählt seine Geschichte in sarkastischem Ton und mit liebevollem Blick. Voller Sprachwitz und mit treffenden Wortneuschöpfungen beschreibt er ukrainische und familiäre Zustände. Eine kluge Erzählung über migrantisches Aufwachsen, die bestens unterhält.

2021 • 176 Seiten • Hanser Berlin • Bestellen

Milica Vučković: Der tödliche Ausgang von Sportverletzungen ★★★★☆

Eva wird jung Mutter – und zieht ihren Sohn allein gross, da sich der Vater des Kindes lediglich als weiteres, grösseres Kind herausgestellt hat, das es zusätzlich zu betreuen galt. Als sie schliesslich Viktor kennenlernt, glaubt sie, den perfekten Mann gefunden zu haben: Attraktiv und klug, beeindruckt sie der Journalist mit seinen grossen Worten und Theorien. Dass hinter der Fassade ein cholerischer, krankhaft eifersüchtiger Soziopath lauert, merkt sie erst viel zu spät. Und als Viktor es sogar schafft, sie nach Deutschland zu locken, wird alles nur noch schlimmer.

«Der tödliche Ausgang von Sportverletzungen» ist leider ein allzu realistisches Porträt einer toxischen Beziehung, die von Manipulation, psychischer und physischer Gewalt geprägt ist – inklusive eines eigentlich liebevollen und hilfsbereiten Umfelds, das aber genau dann wegschaut, wenn es eingreifen sollte. Kurz: Milica Vučković schafft es, dass man sehr reale Wut auf eine fiktive Figur entwickelt. Scheiss auf Viktor.

2025 • 192 Seiten • Zsolnay • Bestellen

Charles Lewinsky: Täuschend echt ★☆☆☆☆

Ein Werbetexter (Fachgebiet: Frühstücksmüsli, Typ: Boomer im Geiste und stolz darauf) verliert alles auf einen Schlag: Job, Freundin und Geld. In Selbstmitleid suhlend beginnt er, sich mit einer KI zu unterhalten. Und schliesslich, mit ihrer Hilfe einen Roman zu schreiben – und diesen als Tatsachenbericht einer afghanischen Frau zu vermarkten. Am Leid, das er seiner Protagonistin Shabnam dabei erfahren lässt, geilt er sich richtiggehend auf.

Die Passagen aus dem fiktiven Roman hat Lewinsky tatsächlich von ChatGPT und Neuroflash generieren lassen. Sie sind sprachlich erwartbar unterirdisch, in Sachen Klischees und Frauenverachtung können es aber auch die Originalpassagen des Autors durchaus mit den KI-Ergüssen aufnehmen. Ein kleiner Incel, der sich selbstverherrlichend an der Frauenwelt rächt – und ein Roman, der der Frau die Schuld daran gibt. Dafür muss ich kein Buch lesen.

2024 • 352 Seiten • Diogenes • Bestellen