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Augenpulver #29: Bücher zum Jahresende

von Cornelia Hüsser • 06.01.2026

Wahrheit und Täuschung, Identität und Begehren, politische Macht und persönliche Abgründe: Zum Jahresende gerat die literartische Welt nicht selten aus den Fugen.

Raphaela Edelbauer: Die echtere Wirklichkeit ★★★☆☆

Falschinformationen, Verschwörungstheorien und mangelhafte Medienkompetenz gehören zu den grössten Problemen unserer Zeit. Die philosophische Aktivistengruppe Aletheia kämpft deshalb für die absolute Wahrheit. Das tut sie vor allem mittels künstlerischer Interventionen; aber wozu haben sie eine Sprengstoffexpertin mit an Bord, wenn nicht, um den Sprengstoff auch einzusetzen?

«Die echtere Wirklichkeit» ist ein inhaltlich wie auch sprachlich ambitioniertes Buch. Es gibt zahlreiche philosophisch-theoretische Passagen im Versuch, den Begriff der Wahrheit auszudefinieren; im Gegensatz dazu driftet eigentliche Handlung immer wieder ins Absurde ab. Die Figuren bleiben unterkühlt, es stellt sich kaum Spannung ein – der Roman funktioniert vor allem auf einer intellektuellen, nicht aber auf der emotionalen Ebene. Zwar ist der Stoff spannend, wäre aber vielleicht in einem Essay besser aufgehoben gewesen.

2025 • 448 Seiten • Klett-Cotta • Bestellen

Torrey Peters: Stag Dance ★★★☆☆

Ein Virus, der die Menschen geschlechtslos macht; ein Internat, in dem sich heimliches Begehren in Verrat verkehrt; ein ausgelassenes Tanzfest nur mit Männern;  und ein Partywochenende in Las Vegas, an dem ein Crossdresser nicht weiss, welcher Versuchung er nachgeben soll: In vier Kurzgeschichten erzählt Torrey Peters von verstörenden und befreienden Momenten von Transidentitäten.

Die Geschichten unterscheiden sich stark in Länge und Ganzheitlichkeit. Während die Dystopie zum Einstieg Stoff für einen eigenen Roman böte, ist die titelgebende Story zu lange geraten und die schwächste des Bands. In allen Geschichten bleibt Torrey Peters aber ihrer Linie treu: Trans* Menschen sind Menschen mit Ecken und Kanten, sie können unsicher, empathielos und selbstsüchtig sein – sie hat keinerlei Interesse daran, sie für cis Personen in ein besonders gutes Licht zu rücken. Darum: Auch wenn mich die Geschichten nicht so eingenommen haben wie Detransition, Baby, ist dieses Buch trotzdem lesenswert.

2025 • 352 Seiten • Ullstein • Bestellen

Stefan Wimmer: Die weisse Hölle vom Fuxnhof ★★★☆☆

Nachdem man die Kajal-Clique in ihrem natürlichen Habitat (München) und im Sommerurlaub (Italien) begleitet hat, geht es nun – genau – ins Skilager! Besonders interessant: die atemberaubenden Schönheiten Eva, Astrid und Suse aus der Parallelklasse, sowie der fachmännisch im Schnee versenkte Alkoholvorrat. Derart ausgerüstet geben Roderik, Meindorff, Deibel und Wimmer eine Woche lang alles, um ihre erotischen Pläne in die Tat umzusetzen. Selbstverständlich nicht ohne Hindernisse …

«Die weisse Hölle vom Fuxnhof» strotzt vor Witz, Selbstironie und Retro-Vibes. Es ist eine Freude, alte Antagonisten wiederzutreffen, die Skurrilität der Dialoge bleibt unübertroffen und das P.S. («Dieses Buch ersetzt ein ganzes Latinum!») ist nicht von der Hand zu weisen. Ein heisses Buch für das Stündchen am warmen Kaminfeuer (oder im kalten Massenschlag).

2025 • 240 Seiten • Blond Verlag • Bestellen

R. F. Kuang: Babel ★★★★☆

1828 wird ein Junge aus Kanton von einem britischen Professor nach London gebracht. Dort lernt er als sein Mündel Latein, Altgriechisch und vertieft sein Chinesisch. Er soll später am renommierten Institut für Übersetzung der Universität Oxford – auch «Babel» genannt – studieren. Denn in dieser Welt kommt Sprache eine besondere Bedeutung zu: Graviert in Silberbarren vermögen es Worte, die Realität zu beeinflussen und gar zu verändern.

«Babel» ist eine Mischung aus Alternate History und Fantasy, in der Magie für die Gesellschaft zwar eine grosse Rolle spielt, allerdings im Versteckten gewirkt wird. Geschickt verwebt die Autorin Historisches (Kolonialismus, Opiumkriege) und Erfundenes (Silber und Sprache als unverzichtbare Rohstoffe). Die Geschichte entfaltet sich rund Robin und seine Kommilitoninnen und Kommilitonen in Babel, die zwischen einem sorglosen Leben und erwachendem politischen Bewusstsein manövrieren. So nimmt das Buch öfters unerwartete Wendungen – und schreckt auch nicht vor blutigen Szenen zurück. Spannung garantiert.

2024 • 736 Seiten • Eichborn • Bestellen

Marco Balzano: Wenn ich wiederkomme ★★☆☆☆

Eine Geschichte wie viele: Daniela lässt ihre Familie im ländlichen Rumänien zurück, um in Italien als Pflegerin und Kinderfrau Geld zu verdienen. Ihre eigenen Kinder vermisst sie schmerzlich und merkt, wie sie sich immer weiter von ihnen entfremdet. Doch als ihrem Sohn etwas zustösst, muss sie eine Entscheidung treffen.

Marco Balzano erzählt die Geschichte aus drei Perspektiven – Sohn, Mutter, Tochter. Emotionen kommen in keiner Variante auf, die Sprache ist übersentimental, die Charaktere nur oberflächlich ausgearbeitet. Klischees findet man dafür zuhauf. Und obwohl hier ein Thema behandelt wird, das beim Lesen Fragen aufwerfen sollte, schafft das «Wenn ich wiederkomme» nicht. Vielleicht ist ein weisser, italienischer Mann nicht der richtige Autor, um osteuropäische Frauenschicksale zu Literatur zu verarbeiten.

2021 • 320 Seiten • Diogenes • Bestellen

Mieko Kawakami: Das gelbe Haus ★★★☆☆

Die siebzehnjährige Hana wächst mit einer nachlässigen Mutter in ärmlichen Verhältnissen auf. Es ist kurz vor der Jahrtausendwende, und die japanische Wirtschaft ist ins Stocken geraten – der Traum von einem besseren Leben scheint ungreifbar. Doch als Hana die ältere Kimiko kennenlernt, wird sie Teil einer bunten Gruppe junger Frauen, die sich am Rande der Gesellschaft durchkämpft – und dabei ausblendet, wie sie immer weiter in die Kriminalität abrutschen.

Mieko Kawakami zeigt auf, wie schnell es passiert, dass sich vulnerable Menschen ohne echte Perspektive in illegale und riskante Machenschaften verwickeln; das schnelle Geld ist zu verlockend und erlaubt es, wieder zu träumen. «Das gelbe Haus» ist aber auch an vielen Stellen redundant. Die Motive wiederholen sich immer wieder, die Dialoge sind schlicht zu lang. Wirkliches Lesevergnügen mag leider nicht aufkommen. Aber hey, dafür habe ich gelernt, wie Kreditkartenbetrug in den 1990ern funktionierte.

2025 • 528 Seiten • DuMont • Bestellen