von Tim Klaffke • 28.07.2025
Valerie-Katharina Meyer und Julia Rüegger haben mit dem gemeinsam geschriebenen Buch «Und überlaut die Zikaden» die Lyrik in eine neue Richtung gebracht. Wir haben mit den Autorinnen vor Ort in Basel ein Gespräch geführt.
In «Und überlaut die Zikaden» begegnen sich zwei poetische Stimmen im Dialog. Die Lyrikerinnen Valerie-Katharina Meyer und Julia Rüegger schrieben den Text zusammen. Im Werkstattgespräch in Basel erzählten sie, wie aus Briefen ein Buch wurde – und warum es politisch ist, über Ameisen zu schreiben. Tim Klaffke hat für Phosphor mit den Autorinnen gesprochen.
Phosphor: Wie entstand die Idee, euer Buch gemeinsam zu schreiben? Man kennt Co-Autorschaften ja vor allem von wissenschaftlichen Publikationen, in der Literatur sind sie seltener.
Valerie: Am Anfang stand bei uns das gemeinsame Schreiben. 2018, kurz nachdem wir uns kennengelernt hatten, begannen wir, einander Briefe zu schreiben. Mehrere Jahre lang schickten wir uns kürzere Notizen, Tageseindrücke und längere Briefe hin und her. Julia lebte damals in Hildesheim, ich zuerst in Zürich, dann in Basel.
Julia: Das Schreiben war einfach ein Mittel, unsere Freundschaft über diese Distanzen hinweg zu pflegen. Da war irgendwie auch eine sehr besondere Form von Vertrauen, die wir von Anfang an hatten. Dass man, obwohl man sich noch nicht lange kennt, anfängt, mit ausführlichen Briefen zu kommunizieren, das ist schon sehr speziell. Dieser eigensinnige Austausch hat von Anfang an eine gemeinsame Welt etabliert – einen Raum eröffnet, in dem ein solches Schreiben zwischen den Zeiten, zwischen den Orten irgendwie möglich ist. Das war das Fundament dieses gemeinsamen Buches. Damals war es aber noch gar nicht auf ein Produkt hin ausgerichtet. Es war einfach Alltag. Mit der Zeit ist dann daraus der Gedanke entstanden, dass wir auch bewusst etwas zusammen schreiben könnten, das auch der Öffentlichkeit zugänglich wird. Schlussendlich war es dann eine Ausschreibung des Literaturhauses Basel, die im Coronawinter kollaborativ kunstschaffende Menschen suchte, die uns den letzten Anstoss gegeben hat, offiziell als Kollektiv zusammenzuarbeiten.
Valerie: In vielen, vielen Monaten und Schichtungen haben wir dann die «Zikaden» entwickelt. Dieser langsame Entstehungsprozess ist sicher eine Eigenheit oder eine Eigenschaft dieses Buches. Dass in mehreren Schichten und mehreren Ebenen und in verschiedenen Kontexten immer wieder daran geschrieben und daran auch umgestellt worden ist, also dass gewisse Textteile immer wieder verschoben worden sind. Diese Neukombinationen, die auch sehr etwas Spielerisches für uns hatten, diese vielen Möglichkeiten, die sich ergeben haben, waren zumindest für mich auch ein wichtiger Antrieb für dieses Buch.
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Waren es Briefe auf Papier?
Valerie: Auf jeden Fall. Aber es hat teilweise auch immer wieder gewechselt. Das Papierige und das ganz Analoge ist ab und zu in eine digitale Welt hineingerutscht. Julia war zum Beispiel manchmal etwas ungeduldig und musste sofort antworten. Das kam dann per E-Mail.
Julia: Ja, du warst sicher die passionierte handgeschriebene Briefschreiberin – obwohl ich die Langsamkeit des Postalischen auch schön finde. Am Schluss gab es Briefe, E-Mails oder auch WhatsApp-Nachrichten – eine Vielseitigkeit von verschiedenen Medien.
Ihr habt den Text dann auch nicht nur zusammengeschrieben. Ihr habt auch nicht markiert, welcher Text von wem stammt. Ihr hattet ja vermutlich schon vor diesem Projekt euren eigenen Schreibstil. Hattet ihr den Eindruck, dass sich eure Stile einander angepasst haben beim gemeinsamen Schreiben?
Valerie: Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich mich während des Schreibprozesses anpassen musste. Aber ich glaube, durch die gemeinsame Diskussion im Nachhinein, also wenn wir alle Texte gemeinsam angeschaut haben, gab es schon eine Art gegenseitige Anpassung – vielleicht auf eine Weise, wie sie allein gar nicht passiert wäre. Dieser gemeinsame Blick verändert etwas. Er schafft wirklich eine andere Perspektive auf den Text als Ganzes.
Julia: Ja, das sehe ich auch so. Je länger der Prozess des gemeinsamen Schreibens ging, desto stärker wurde diese leise, fast unterschwellige Annäherung spürbar. Wir wollten, dass die Texte am Ende wirklich eine Art tiefer Verwandtschaft zueinander entwickeln – dass sie sich gegenseitig öffnen, einander antworten. Das wurde für mich auch ein Kriterium: welche Texte bleiben drin, welche nicht? Es ging darum, dass sie zusammen funktionieren. Natürlich gab es auch einzelne Korrekturen, die wir gegenseitig an den Texten vorgenommen haben – oft ganz feine –, aber vor allem sind im gemeinsamen Arbeitsprozess Dinge und Bewegungen passiert, die allein nie entstanden wären.
Valerie: Ja, es war wirklich ein gemeinsames Schreiben – und gleichzeitig hat jede von uns ihre eigenen Grenzen gewahrt. Wenn Julia zum Beispiel sagte: «Ich möchte das gerne so lassen», dann habe ich das auch respektiert. Ich dachte dann nicht: «Nein, das geht nicht.» Sprache ist eben etwas sehr Sensibles, etwas Zartes – aber auch etwas Eigensinniges.
Julia: Ich glaube, ich war oft inspiriert von Bildern, von Momenten, die Valerie aufgriff. Das sensibilisierte meine eigene Wahrnehmung. Aber stilistisch sind wir verschieden. Bei so etwas wie der Satzlänge ist bei uns durchaus ein Unterschied spürbar. Ich neige eher zu diesen verschachtelten, langen Sätzen – Nebensätze im Nebensatz –, während du oft kürzer bleibst. Und da habe ich mich schon manchmal gefragt: Können wir das so lassen? Dass ein Satz mal acht Zeilen lang ist – und der nächste dann nur aus zwei Wörtern besteht?
Valerie: Da spielt natürlich auch der Rhythmus eine Rolle – der ist in unseren Texten oft ganz unterschiedlich. Und genau darüber haben wir immer wieder gesprochen.
Etwas, was ich in eurem Buch als Leitmotiv gelesen habe, ist ein Gefühl von Orientierungslosigkeit. Man weiss mitunter nicht: Geht es um die Hitze in Griechenland – oder doch um Basel, wo es genauso heiss ist? Dieses Gefühl, keinen festen Bezugspunkt zu haben – das scheint mir eine zentrale Aussage zu sein. Ist das im Projekt entstanden, war das ein bewusster Prozess oder hat sich das organisch aus dem Schreibprozess ergeben?
Julia: Ich muss dazu sagen, ich finde es schwierig zu sagen, was eigentlich wann angefangen hat, welches Motiv wann reingekommen ist. Man ist so organisch drin in diesem Entstehungsprozess, dass er auf eine Art für uns selbst wieder zu einem Rätsel wird. Je zyklischer, je zirkelhafter man das Gleiche immer wieder durcharbeitet, desto mehr vergisst man, wie ein bestimmter Text reingekommen ist. Und das passt auch wieder zu der Poetik – dass es selbst für uns immer wieder Neufunde gegeben hat.
Valerie: Ich glaube, es hängt auch damit zusammen, wie man sich in so vielen kleinen Einzeltexten orientiert. Jedes Fragment steht für sich selbst und leitet irgendwie gleichzeitig über sich hinaus und verweist auf etwas anderes – aber trotzdem nur auf das, was gerade ist. Dieses Zusammenspiel, diese Dynamiken von Ordnung und Unordnung und Abweg und Weg – das sind schon zwei Dynamiken im Büchlein, aber auch im Schreibprozess. Wir haben immer wieder versucht, eine Ordnung zu schaffen, aber auch bewusst Unordnung zugelassen. Wir haben auch viel produziert, ohne uns genau im Voraus zu fragen, wie wir das dann ordnen.
Julia: Der ganze Entstehungsprozess war sehr wenig zielgerichtet – wir haben uns keine Vorgaben dazu gemacht, wie dick oder dünn das Buch wird, oder wie viele Kapitel es haben soll, oder aus welchen Formen es bestehen soll.
Auch die Form des Textes spiegelt dieses Nicht-Verorten-wollen wider. Und gerade das finde ich besonders gelungen: Die Lyrik in eurem Buch schafft eine Entsprechung zwischen Form und Inhalt.
Valerie: Die Form, die wir gewählt haben – es ist ja nicht ganz klar, ob das jetzt Lyrik ist oder Prosa, oder lyrische Prosa –, die hat schon irgendwie auch etwas Politisches. Das nicht Einordenbare, das sich nicht Zurechtfinden, das wehrt sich auch gegen das automatische Bilden von Zusammenhängen. Und darin zeigt sich dann beispielsweise das subversive Potenzial von Sprache.
Julia: Das ist ja auch die Magie des künstlerischen Schaffens, dass sich total stimmige Synergien ergeben, die man gar nicht planen musste. Irgendwie gibt es da etwas – etwa in diesen Sätzen –, das weder dir noch mir allein gehört. Man kann das durchaus poetologisch lesen, denn es spiegelt unsere Art zu schreiben wider, vielleicht sogar unsere Form von Politik. Aber man kann es auch auf einer zwischenmenschlichen Ebene betrachten. Es lässt sich ebenso als ethische oder politische Frage verstehen – oder als Frage danach, wie wir Geschichten miteinander teilen, wie wir Texte neu schreiben. Ich glaube, da fliesst vieles zusammen: unsere poetologischen Interessen, aber auch grundlegende Überlegungen zu einer stimmigen Lebensform oder Lebensweise.
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Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen gross, aber letztlich verweben sich diese Ebenen immer wieder – oft auch zu unserer eigenen Überraschung. Wir haben gar nicht unbedingt intendiert, einen Text zu schreiben, in dem all das mitschwingt, aber es passiert trotzdem. Vielleicht, weil wir bestimmte Formen des Sprechens und Schreibens kultivieren, entstehen solche Vielschichtigkeiten fast von selbst.
Valerie: Vieles ist uns auch erst im Nachhinein aufgefallen – dass diese Dimensionen da sind, dass man den Text auch auf diese Weise lesen kann.
Ihr habt vom Politischen gesprochen – das wäre spannend, wenn wir das noch etwas genauer erklären könnten. Ethisch, das habe ich, glaube ich, schon verstanden. Auch diese Idee von Orientierungslosigkeit – oder vielleicht auch dem bewussten Verzicht auf klare Orientierung – als eine Art Tugend. Gerade im Hinblick auf die grosse Weltlage. Denn da steckt ja so etwas wie «Eco-Anxiety» drin. Dieses Gefühl, dass alles aus dem Lot gerät – es wird immer heisser, es ist kaum mehr auszuhalten auf den griechischen Inseln, oder selbst die Gratermatte in Basel war zuletzt fast schon regenreich «neu». Die natürliche Welt gerät ins Wanken. Und am Ende kommt ihr dann mit Fakten, die auch ins Kulturelle reichen – etwa wenn es um Sprachen geht, die aussterben. Das heisst, da ist schon eine ethische Dimension: sich nicht zu verweigern, sich nicht zurückzuziehen – das hat fast etwas Tugendhaftes. Aber hat es auch eine politische Seite? Was genau wäre dann das Politische daran?
Valerie: Vielleicht ist ja schon die literarische Form an sich immer auch etwas Politisches – selbst wenn ich gar keinen explizit politischen Inhalt beschreibe. Wenn wir schreiben, ist damit immer auch ein Entscheid verbunden, mit welchem Blick wir uns Daseinsformen zuwenden. Damit sind natürlich unterschiedlichste Fragen verknüpft, aber interessant ist doch die Frage nach dem wie – wie wir der Welt begegnen, wie wir etwas erzählen. Aber natürlich könnte man auch sagen: Allein dadurch, dass ich über eine Ameise schreibe, verleihe ich ihr Sichtbarkeit und somit auch Bedeutung. Und das ist auf gewisse Weise auch politisch. Ich finde es schön, dass der Text so offen ist, so eine Gleichwertigkeit vermittelt – dass alles auf einne Art denselben Wert bekommt.
Julia: Ich glaube, diese Ethik und Poetik im Text ist etwas sehr Horizontales. Alles kann gleich wichtig sein – die Ameisen, die Kastanien, die Sehnsucht, die Toten, die Thujahecken, die Zitate, die wieder auftauchen, die Fakten aus dem Radio oder auch die eigenen Liebessehnsüchte. Diese Gleichwertigkeit – das ist mir wichtig. Für mich hängen Ethik, Ästhetik und Politik sowieso oft ganz eng zusammen. Und ich finde es gerade spannend, wenn nicht alles eindeutig zugeordnet werden kann – wenn es eben nicht ganz klar das eine oder das andere ist. Ich glaube, der Text versucht, all diese Themen aufzugreifen, ohne sich festzulegen. Es ist kein reines Klima-Manifest, aber auch keine reine Sehnsuchtsprosa oder blosses Loblied. Es nimmt vieles auf – und stellt es nebeneinander. Das ist wirklich ein zentrales Anliegen.
Und überlaut die Zikaden
Ein lyrischer Dialog zwischen Julia Rüegger und Valerie-Katharina Meyer
Verlag: edition mosaik
Erscheinungstermin: Februar 2025
ISBN: 978-3-9505646-9-3