Elisa Shua Dusapin: Damals waren wir unzertrennlich

von Cornelia Hüsser • 26.09.2025

Verlag: Kein & Aber
144 Seiten • gebunden
Erschienen: 08.09.2025
ISBN: 978-3-0369-5075-4

Agathe hat sich eine Karriere als Drehbuchautorin in New York aufgebaut. Dann, nach 15 Jahren nur spärlichen Kontakts, meldet sich ihre Schwester Véra: Ihr Vater ist gestorben, sie müssen ihr Elternhaus im Périgord ausräumen. In den wenigen Tagen, die sie gemeinsam verbringen, loten die beiden Frauen aus, was von ihrer einst engen Verbindung noch übrig ist.

Ihre gemeinsame Sprache war nie einfach: Véra spricht nicht. Nicht mehr – als Kind hatte sie eines Tages plötzlich damit aufgehört, weshalb, hat man nie herausgefunden. Als ältere Schwester hatte Agathe das Sprechen für Véra übernommen, sie beschützt und verteidigt. Doch nun, nach Jahren der Abwesenheit, findet sie sich einer erwachsenen Frau gegenüber, die ein selbstständiges Leben führt und sehr wohl für sich einstehen kann.

Nun müssen die beiden Schwestern eine neue Sprache miteinander finden. Und an der Oberfläche funktioniert das gut: Agathe spricht, Véra tippt auf dem Smartphone. Das, was diesen Roman interessant macht, liegt aber viel tiefer verborgen. Schicht für Schicht werden nicht nur alte Kleidungsstücke und verstaubte Spielsachen freigelegt, sondern auch verdrängte Erinnerungen und Gefühle, die in der Familie unausgesprochen blieben.

Elisa Shua Dusapin beschreibt Alltagsszenen in schlichter, aber nuancierter Sprache und mit viel Fingerspitzengefühl. Oft reichen Andeutungen, um erahnen zu lassen, weshalb die Schwestern – einst unzertrennlich – einander fremd geworden sind. Unter der Oberfläche schwelen Anspannung, unterdrückte Wut, Trauer und Verständnislosigkeit, aber auch ein bleibender Funke der Zuneigung. Nur die emotionale Nähe von früher zurückzubringen, scheint unmöglich.

TW: Sexuelle Gewalt

So schön sich der Text liest, liess mich eine Szene dennoch fassungslos zurück: Eines Nachts wacht die Erzählerin auf, weil sie von ihrem Partner im Schlaf penetriert wird. Sie empfindet den Moment als romantisch – bitte, was? Eine derartige Banalisierung eines Übergriffs auf die körperliche Selbstbestimmung ist in einem solchen Roman mehr als fehlplatziert.