von Lucilia Mendes • 10.05.2026
Verlag: Rotpunktverlag
224 Seiten • Hardcover
Erscheinungstermin: 04.03.2026
ISBN: 978-3-03973-083-4
In «Nebelflüchtige» erzählt Flurina Badel von Veränderungen, vom Abschiednehmen und davon, dass man sich durch beides selber verlieren kann.
Ein Dorf im Engadin, wie aus dem Bilderbuch, schmucke Häuser, Alteingesessene und ein paar «Nebelflüchtige» aus dem Unterland, die das Dorf und deren Bewohner verändern. Das sind die Zutaten eines Buches, das Einblick in ein Stück Schweizer Idylle gibt, welche wohl die Meisten nur aus der Perspektive der «Nebelflüchtigen» kennen.
Schmuck ist der sich wandelnde Ort aber nicht für alle Einheimischen. Besonders leidet Luis, der den Dorfladen betreibt, unter den vielen Fremden, die sich hier niederlassen. So sehr er auf die Feriengäste und Zweitwohnungsbesitzer angewiesen ist, so sehr fürchtet er diese Veränderungen. Häuser werden teuer verkauft und umgebaut. Wohnraum oder Perspektiven gehen dabei für die Alteingesessenen verloren. Zumindest in den Augen von Luis, der den Wandel mit immer grösserer Skepsis verfolgt, kommentiert und dabei fast sich selber verliert. Ständig kreisen in seinem Kopf Fragen wie: «Noch Dorf oder schon Museum?» oder «Wer muss gehen? Wer darf kommen?»
Zurück aus Wien kommt Aita. Es ist Zeit von der Mutter und dem Elternhaus Abschied zu nehmen. Doch der Abschied will nicht gelingen, nicht verstanden und nicht in Frieden gelebt werden. Aita hadert mit der Familiengeschichte, mit den Brüdern, die anders fühlen und denken. Mit dem Ort, der immer weniger Aitas Ort ist und sie trotzdem nicht loslässt. Während sich ihr Wiener Freund an ihr und dem, was man mal hatte, festklammert, realisiert Aita in der selbstgewählten Abgeschiedenheit einer Ferienwohnung:
Immer war Mutter da. Immer. Immer gibt’s nicht mehr.
Und während Luis mit einer schon fast fanatischen Verbissenheit gegen die «Nebelflüchtigen» kämpft, merkt er nicht, dass er selber das Dorf entzweit und dabei sich selber entwurzelt. Sein Schmerz und seine Verzweiflung vermischt sich mit der Verzweiflung von Aita. Auch sie kann nicht loslassen, auch sie hängt an Erinnerungen fest, verliert denn Sinn für die Wirklichkeit und gibt sich Schritt für Schritt auf. Sich – und alles, das ihr noch Halt geben könnte.
Trotz der Trauer, der Verzweiflung und der Wut, die sich in Luis und Aita aufstauen und hindurchfressen: Das Buch «Nebelflüchtige» ist trotzdem auch ein schönes Buch. Eines, das zeigt, wo der Schuh drückt, wenn plötzlich vieles nicht mehr so ist, wie es mal war. Es spielt in einer Umgebung, die eben gerade für uns im Mittelland lebende «Nebelflüchtige» ein Stück Romantik in sich birgt.
Beim Lesen des Buches kam es zu einem persönlichen Gänsehautmoment, als ich der Nachbarin, die aus dem Engadin kommt, von dem Buch erzählt – und sich herausstellt, dass sie eine Jugendfreundin der Autorin Flurina Badel ist. Manchmal zieht es die Engadiner halt auch an den Jurasüdfuss – und somit in eine Region, wo der Nebel sich nicht immer gleich verflüchtigt. Darum passt die Widmung der Autorin Flurina Badel am Anfang des Buches ganz schön:
Für alle, die im Engadin leben, lebten, leben werden.