Jürg Halter, Uwe Wittwer: Verlassenes Boot treibt Richtung Mond

von Michael Bohli • 04.07.2023

Verlag: Scheidegger & Spiess
176 Seiten • Softcover
Erscheinungstermin: 08.06.2023
ISBN: 978-3-03942-132-9

In den Fünfzigerjahren hat Kenji Mizoguchi einen betörenden Film gedreht; Jürg Halter und Uwe Wittwer liessen sich davon zum atmosphärischen Buch «Verlassenes Boot treibt Richtung Mond» inspirieren.

Das Wasser schimmert silbern, der Nebel hängt tief. Aus der Ferne kommt leise ein kleines Boot angetrieben, hölzern und von vielen Fahrten gezeichnet. Kein Geräusch ist zu hören, keine Menschen befinden sich darauf. Was ist passiert?

Atmosphärisch ist die Veröffentlichung «Verlassenes Boot treibt Richtung Mond» ab der ersten Seite. Viel Weissraum entschleunigt das Lesetempo, die zweisprachig gedruckten Texte von Jürg Halter wechseln sich mit den Gemälden von Uwe Wittwer ab. Ein Dialog, eine gegenseitige Ergänzung, ein Spiel mit dem Medium: Alle Aspekte dieses Buches laden die Leserschaft dazu ein, eine Gesamtheit zu erarbeiten.




Basierend auf dem japanischen Spielfilm «Ugetsu Monogatari – Erzählungen unter dem Regenmond» von Kenji Mizoguchi aus dem Jahre 1953, haben die zwei Künstler eine Publikation geschaffen, die Lyrik und Papierarbeiten vereint. Während sich gewisse Zeichnungen und Gedichte konkret auf Szenen und Ereignisse aus dem Film beziehen, sind andere wiederum frei und lose. Eine grössere Welt tut sich auf, Fragen zum menschlichen Dasein werden gestellt, die Verbindungen sind zu gestalten.

Das monochrom gehaltene Buch ist in der Wirkung zurückhaltend und stimmt nachdenklich, als ob man eine entfernte Perspektive einnehmen und das Leben auf der Erde mit grosser Distanz betrachten würde. Uwe Wittwer und Jürg Halter verhindern zu klare Bezüge und Aussagen, «Verlassenes Boot treibt Richtung Mond» ist auch ohne Filmkenntnisse eine spannende Erfahrung.

In den Bildern schälen sich nach längerer Betrachtungen Szenen und Figuren heraus, von der Lyrik wird man umgarnt und durch die Wortwahl ab und an zum Stolpern gebracht. Naiv ist an dieser Arbeit nichts; Leben, Tod, Gier, Gewalt und Schmerz sind in den Lücken vorhanden. Das passt hervorragend zu Mizoguchis Film und transformiert die bewegten Bilder reizvoll auf Papier.