von Michael Bohli • 21.01.2026
Hiro Mashima ist mit einer neuen Shonen-Reihe am Start, Minetaro Mochizuki sinniert über das Mangaka-Dasein und Mari Matsuzawa umgarnt Glückskatzen: In Manga Yomimono 60 ist alles möglich.
In dieser Ausgabe sind Vergleiche und Analysen wunderbar möglich. Wie haben sich die Zeichnungsstile im Bereich Manga in den letzten Jahrzehnten verändert? Wie unterscheiden sich Geschichte für ein junges Publikum von den Publikationen für Erwachsene? Starten wir mit einem Beispiel für die ältere Leserschaft.
Um in einer Zeit der Unruhen und Veränderungen zu überleben, wird Willen und Sicherheit benötigt. Sachiko und Migeru fehlt zweiteres, besonders finanziell sind die beiden schlecht aufgestellt. Migeru will Mangazeichner werden, erhält aber bloss Absagen; Sachiko verkauft ihren Körper für eine Unterkunft. Das sorgt für Spannungen und unangenehme Situationen, in den Abgründen lauern Wahn und Rausch.
«Underground» birgt in seinem Titel gleich mehrere Bedeutungen, erzählt die Geschichte von Figuren aus den unteren Gesellschaftsschichten, ist inhaltlich kein Massencomic und lässt uns in tiefe Schatten blicken. Dem Ero Guro-Genre angesiedelt, entwickelt sich die Story zu einem fantasievollen, stellenweise brutalen und sexuell aufgeladenen Erlebnis.
Die detailreichen Zeichnungen von Suehiro Maruo beinhalten die Kraft des Jugendstils, die Schrecken von Albträumen und die Reize von heissen Fantasien. Der Autor setzt weniger auf eine stringente Handlung und verziert das historische Setting mit Fantasien und extremen Momenten. Das fasziniert, löst zugleich aber Unbehagen aus.
208 Seiten • Reprodukt • 978-3-95640-454-2 • Bestellen
Ich treffe sehr spät zu diesem Abenteuer, aber eine gute Geschichte lässt sich immer geniessen. Die Fantasy-Story «Frieren» beginnt beim Ende, die Heldengruppe hat den Dämonenkönig bezwungen, Frieden herrscht über das Land. Das ist ungewohnt, reizvoll und Kanehito Yamada liefert eine frische Perspektive auf das Genre.
Gemeinsam mit der Magierin Frieren ziehen wir durch die Ländereien, suchen vergessene Zaubersprüche und machen neue Bekanntschaften. Als Elfe hat Frieren ein langes Leben und bereits in den ersten Kapiteln springen wir viele Jahre nach vorne. Die Lektüre wird unberechenbar, ist zugleich entspannt und eine Einladung, die kleinen Dinge zu geniessen.
Zeichnerisch liefert Tsukasa Abe detailreiche Bilder, die stellenweise sehr sauber und klinisch wirken, dank tollen Gesichtsausdrücken und witzigen Passagen ohne Dialoge aber überzeugen. «Frieren» ist ungewohnt, anders und begeht neue Pfade im Fantasy-Genre – das ist erfreulich.
192 Seiten • Altraverse • 978-3-7539-0561-7 • Bestellen
Comiczeichnen ist Leben, zumindest für Minetaro Mochizuki, den du eventuell von Reihen wie «Dragon Head» oder «Chiisakobee» kennst. Doch was macht ein Mangaka, wenn er nicht an einer wöchentlichen Reihe arbeitet? Er verliert sich in existenzialistischen Gedanken und Beobachtungen.
In kurzen Episoden (Kleinstessays könnte man auch sagen) beschreibt «No Comic, no Life» den Alltag des Zeichners Mochitaro Minezuki – beim Einkaufen, unterwegs mit seiner Familie und beim Grübeln im Bett. Eine mögliche Realität, ohne Helden oder Kämpfe, sondern mit Einschlafproblemen und Stilfragen.
Zeichnerisch ist «No Comic, no Life» ruhig, mit grossen Panels und Leerflächen. Das unterstreicht den Essaycharakter des Manga und macht die Lektüre zur intelligenten Lebensbetrachtung für Erwachsene. Es tut gut zu erleben, dass ein erfolgreicher Mangaka die gleichen Sorgen plagen, wie uns alle.
240 Seiten • Reprodukt • 978-3-95640-484-9 • Bestellen
«Dead Rock» ist nach «Fairy Tail» und «Edens Zero» die neuste Shonen-Reihe von Hiro Mashima. Das bedeutet Action, Fights und stark überzeichnetes Charakterdesign. Wie könnte es auch anders sein, öffnen sich die Tore zur Schule des Dämonenreichs und gemeinsam mit Yakuto machen wir uns auf, Lektionen und Konfrontationen zu überstehen.
Das könnte mühselig werden, Yakuto ist aber so stark, dass jede Herausforderung in einem brachialen Kampf überwunden wird. Als Hauptperson hat er geheime Kräfte und eine Absicht auf Rache. Will er etwa gar nicht Herrscher der Menschenwelt werden, was das Diplom der Schule darstellt?
Ganz ehrlich: Hiro Mashima liefert mit «Dead Rock» einen typischen Shonen-Manga ohne grosse Überraschungen ab. Die Charaktere wirken uninspiriert, die Handlung springt oft nach vorne, nebst lauten Kämpfen gibt es wenige Emotionen zu erleben. Das Schulsetting ist zwar nett, wirklich prickelnd liest sich dieser Start selten.
182 Seiten • Carlsen Manga • 978-3-551-80648-2 • Bestellen
Freund:innen alter Horrorklassiker frohlockt: Erneut liefert Gou Tanabe einen Band mit Manga-Adaptionen kurzer Geschichten von H.P. Lovecraft ab. «Das Unsagbare» versammelt Erzählungen mit alptraumähnlichen Entwicklungen, inhaltlichen Verbindungen und der Visualisierung uralter Schrecken.
Dieser Band beinhaltet zwar keine weltbekannten Texte und inhaltlich eher kleinere Werke, Tanabe versteht es aber bei diesen Adaptionen, die vorherrschenden Spannungen und Stimmungen der Texte gelungen in visuelle Darstellungen umzusetzen. Die Grenzen der Imagination werden gesprengt, Raum und Zeit verlieren ihre Bedeutung, das kleine Städtchen Arkham wird zur Heimat grotesker Entwicklungen.
Wünsche und Träume werde in «Das Unsagbare» zum Tor zu den Abgründen, Menschen werden wahnsinnig und verschwinden als Spielbälle der dunklen Mächte. Die realistischen Zeichnungen mit vielen Schattierungen und Texturen transportieren uns problemlos in Lovecrafts Welt – wenn auch bei dieser Lektüre wenig hängen bleibt.
276 Seiten • Carlsen Manga • 978-3-551-80761-8 • Bestellen
Katzen bringen Glück, Glückskatzen noch mehr! Das kann Ako gut gebrauchen, musste sie mit ihren Geschwistern von Tokyo in das abgelegene Dorf Fukuneko ziehen. Das Leben dort ist langsam, sie vermisst ihre Freundinnen. Die Wende bringt eine kleine Katze, die für sie und ihren Bruder wie ein junges Mädchen aussieht.
Die Verwandtschaft glaubt Ako nicht, sehr wohl aber hatte bereits ihre Urgrossmutter eine Glückskatze. Gibt es hier einen Zusammenhang und ist das Mädchen mehr als bloss ein Fellknäuel? In der ruhigen Geschichte von «Fukuneko» wird diesen Fragen nachgegangen.
Der Manga von Mari Matsuzawa eignet sich für eine junge Leserschaft und vermittelt in kurzen Episoden Inhalte zu Themen wie Familie, Zusammensein und Lebenssinn. Die Zeichnungen sind gelungen, die Figuren und Katzen sehr süss, die Komik ist unaufgeregt. In «Fukuneko» kannst du gemütlich eintauchen und zufrieden schnurren.
160 Seiten • Carlsen Manga • 978-3-551-80734-2 • Bestellen
Das ferne Jahr 1999, eine verheissungsvolle Zukunft, in der ein unbekannter Planet auf Kollisionskurs mit der Erde entdeckt wird. Ohne es zu wollen, wir der Junge Hajime in jahrtausendalte Pläne verwickelt und Zeuge davon, dass eine Untergrundorganisation drohende Veränderungen auf der Erde erwartet.
Was hat dies mit der hübschen Yayoi Yukino zu tun und wer ist die Königin der 1000 Jahre? Es folgt ein wilder Abenteuerritt, der nicht nur weitere Fragen und Erklärungen liefert, sondern uns zusammen mit den Figuren ins Erdinnere und ins Weltall katapultiert. «Königin der 1000 Jahre» ist legendäre Manga-Unterhaltung aus den Achtzigerjahren.
Das bekannte und geliebte Werk von Leiji Matsumoto wird mit dieser schicken Neuauflage gewürdigt und erscheint im Albumformat mit Hardcover, zahlreichen Farbseiten und Hintergrundinformationen. Eine Manga-Gesamtausgabe sozusagen. Ein nostalgischer Science-Fiction-Trip mit viel Humor, abrupten Szenenwechseln und einer wilden Geschichte, die nicht immer Sinn, aber viel Spass macht.
212 Seiten • Carlsen Manga • 978-3-551-80657-4 • Bestellen
Manga Yomimono
Yominono; japanisch für Lesestoff. Das bieten wir mit dieser Beitragsreihe, regelmässige Lesetipps und Kurzkritiken zu aktuellen Veröffentlichungen im deutschsprachigen Markt. Damit euer Manga-Feuer nie ausgeht.
Alle bisherigen Ausgaben findet ihr hier.