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Brugger Dokumentarfilmtage 2025: Grenzenloses Kino

von Michael Bohli und Cornelia Hüsser • 23.09.2025

Die Brugger Dokumentarfilmtage boten in der diesjährigen Ausgabe packende Einblicke und spannende Diskussionen über die gewohnten Grenzen hinaus. Wir beschreiben unsere gemachten Erfahrungen – kurz und lang.

Zum dritten Mal luden die Brugger Dokumentarfilmtage zum einzigen Deutschschweizer Festival, das sich dem dokumentarischen Filmschaffen widmet. Ein erfreuliches Ereignis, besonders für den Kanton Aargau, in dem Doku-Fans oft leer ausgehen.

Neben neuen Produktionen und dem Kurzfilmwettbewerb wurden in Brugg die Grenzen und Schubladisierungen untersucht, die Filmproduktionen begleiten. Was ist real, was ist inszeniert? Was «darf» eine Dokumentation, wie sehen die Erwartungen des Publikums aus? Spannende Diskussionen waren garantiert, in den Q&A, zwischen den Screenings und im Podium.

Ergreifende Schicksale

Im Dokumentarfilm lässt sich nicht nur das Leben von Menschen untersuchen, es werden Verbindungen zur Vergangenheit, zwischen den Ländern und zwischen Leinwand und Publikum hergestellt. Das gelang stellenweise fast zu gut, etwa bei «Nebelkinder» von Corinne Kuenzli. Die Arbeit über ehemalige Verdingkinder zeigte die Aufarbeitung von Familienmitgliedern anhand staatlicher Akten und bot Einblick in die psychischen Schäden, an denen nachfolgende Generationen leiden.

Die bedingungslose Liebe fehlt vielen bis heute, Pavel Cuzuioc ging für «Grünes Licht» noch weiter, in das Umfeld des begleiteten Suizids. Der emotional überwältigende Film zeigte Begegnungen mit Menschen in Deutschland, die trotz Zuneigung nicht mehr existieren wollen. Die Arbeit des porträtierten Dr. Johann Spittler geht nahe und ist extrem wichtig, umso erschütternder war der Schluss des Films mit der Verurteilung von ebendiesem.

Aufwühlend auch «Bilder im Kopf» von Eleonora Camizzi, zeigt die Regisseurin auf intime und künstlerisch anspruchsvolle Weise, wie sich das gemeinsame Leben mit Personen anfühlt, die schizophren sind. Ein Film, der durch Lücken und Schnitte Unmut auslöst und die Sehnsucht nach Klärung erwirkt. Das nachfolgende Gespräch mit der Filmemacherin sorgte für Klarheit und erweiterte den Film.

Einblicke in die «Sonnenstadt» erhielt man in Kristina Shtuberts Film, die ihre Protagonisten während acht Jahren beim Versuch, eine autarke Gesellschaft in der sibirischen Taiga aufzubauen, begleitete. Wie so oft ist dieser Versuch geprägt von einem religiösen Kult – hier um Wissarion, der sich als Sohn Gottes sieht und das Letzte Testament verkündet. Ein Porträt zwischen Wahn, Naivität und Verzweiflung, das zwar interessant, aber etwas repetitiv und zu lange geraten ist.

Andere Welten

Dokus sind die perfekte Gelegenheit, um die Welt zu reisen. «Spring In Kangiqsualujjuaq» (Marie Zrenner) fängt Eindrücke aus einer abgelegenen Inuit-Siedlung in der kanadischen Arktis ein. Hier leben unter anderem die Schülerin Annah und die Teenagerin Kathy, die zwischen Traditionsbewusstsein und Neugier auf ein Leben in der Stadt hin- und hergerissen ist. Leider fehlt dem Film insgesamt ein klarer Fokus. Über Alltagseindrücke geht er nicht hinaus, und die (selbst-)kritische Aussagen werden nicht weiter verfolgt.

Kunsang Wangmo, genannt «Mola», ging vor über 60 Jahren ins Schweizer Exil. Nun, da sie 100 Jahre alt wird, ist es ihr letzter Wunsch, nach Tibet zurückzukehren. Der gleichnamige Film von Martin und Yangzom Brauen begleitet die Bemühungen vom Visumsantrag bis zur anstrengenden Rückreise und schafft ein einfühlsames Familienporträt, das sich allerdings nicht traut, alte Wunden aufzureissen.

Sehr unterhaltsam und voller Lebensfreude kam «Double Trouble» daher. Der Film von Emilia Śniegoska ist nicht nur eine Liebeserklärung an die Witwen Hanka und Bronka, sondern ein spielerisches Bild über Zusammenhalt, Widerstand und Hoffnung. Inklusive live gespielter Musik, was an das Werk von Emir Kusturica erinnert.

Ins Rabbithole der Verschwörungstheorien konnte man mit «Soldaten des Lichts» (Johannes Büttner, Julian Vogel) abtauchen. Die Truppe um den Influencer «Mr. Raw» braut sich ihren täglichen Wildkräuter-Smoothie mit Reichsbürgertum, Wissenschaftsleugnung und einer ordentlichen Prise Rechtsextremismus. Nicht selten blieb einem das Lachen im Halse stecken – ihr Pokerface müssen die Regisseure perfektioniert haben.

Wie wird die Zukunft aussehen? Durch neue KI-Tools und -entwicklungen verändert sich aktuell vieles rasant, Valerio Jalongo machte sich in «Wider Than The Sky» auf die Suche nach dem künstlichen Bewusstsein. Das resultierte in einem oberflächlichen Film voller pseudo-philosophischen Off-Kommentaren, fragwürdigen Bildkompositionen und grossen Lücken. Nie hinterfragt Jalongo KI an sich, zu oft gehörte Floskeln wurden wiederholt. Immerhin zeigte sich Kety Fusco als Filmmusik-Komponistin fähig.

Spiel mit der Form

Wahrheit, Beobachtung, Inszenierung, Wiederholung: Das dokumentarische Schaffen beeinflusst das Subjekt, ein Projekt muss geplant sein. Dass Wiederholungen spannend sein können, zeigte Roman Hüben mit dem unterhaltsamen und nachdenklich stimmenden «Autostop». Aus Floriane Mésenges Aufzeichnungen von ihren Autoreisen durch Frankreich wurde ein Theaterstück wurde ein Film. Überraschend, witzig und gesellschaftskritisch.

Das so gruselige wie faszinierende Phänomen der Schlafparalyse beleuchtete Rodney Ascher mit «The Nightmare». Acht Betroffene wurden interviewt und schilderten ihre Erlebnisse mit dunklen Schatten und der Machtlosigkeit im Zustand zwischen Schlaf und Wachsein. Eine wissenschaftliche Perspektive fehlt dem stilvoll gedrehten Film leider komplett – er beschränkt sich auf die selbstgezimmerten Theorien seiner Protagonisten, die von der Verarbeitung unterbewusster Eindrücke bis zu teuflischen Dämonen reichen, die sich durch den Namen Jesu vertreiben lassen.

Kurzfilmwettbewerb

Der Kurzfilmwettbewerb der Brugger Dokumentarfilmtage bietet jungen Filmschaffenden eine Plattform, um ihre Filme einem breiten Publikum zu zeigen. In drei Blöcken konnte man dieses Jahr 15 Filme geniessen. Die Beiträge reichten von humorvollen Betrachtungen wie den Autofahrenden (bzw. -stehenden) am Gotthard («Im Stau», Alan Sahin) bis zu abstrakt anmutenden Aufnahmen über und unter der Erde («Terrarium», Ambroise Cousin).

«Le Chant du Saz» (Naomi Goldziuk) zeigte nicht nur die Reparatur und Instandsetzung von Instrumenten, sondern thematisierte durch seine Protagonisten auch Konflikte und Massaker im Nahen Osten – und gewann den Publikumspreis. Mit «Les mystères de l’horizon» machte sich Mathieu Sauvat auf die Suche nach Antworten auf ein Rätsel, das er auf einem alten Gemälde entdeckt hatte – und entdeckte dabei Unerwartetes. Und Katja Stirnemann hinterfragte mit «Abseits – Ein ungleiches Spiel» Gendercodes im Sport – einer der Filme, die man zu gerne auch in langer Version sehen würde.


Mehr Phosphor: 2023 waren wir ebenfalls vor Ort, für lange und kurze Begegnungen.

Brugger Dokumentarfilmtage

Ort:
Diverse Lokale, Brugg

Datum:
18. bis 21.09.2025

Website:
brugger-dokumentarfilmtage.ch

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