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Fantoche 2023: Das Beste in unter 30 Minuten

von Cornelia Hüsser • 12.09.2023

Ob versehentlicher Besuch im Fetischclub, sich im Kühlschrank manifestierende Angst vor einer Schwangerschaft oder Feministinnen im Bierzelt: So vielseitig wie die Animationsstile sind auch die Geschichten, die am Fantoche in Kurzfilmen erzählt werden.

Jedes Jahr werden am Fantoche in einem internationalen, einem Schweizer und einem Kinderfilmwettbewerb die besten aktuellen Kurzfilme gekürt. Doch daneben gibt es auch verschiedenste Blöcke zu Fokusthemen zu entdecken – dieses Jahr unter anderem aus Südkorea.

Schweizer Wettbewerb

Sechzehn Filme wurden von der Jury für den Schweizer Wettbewerb ausgewählt, zum Best Swiss wurde «Die graue March» von Charlotte Waltert und Alvaro Schoeck gekürt; basierend auf Motiven von Meinrad Inglin haben sie mithilfe übereinandergelegter Glasscheiben animiert.

Herausragend ist ebenfalls der Film «Crevette» (Sven Bachmann, Noémi Knobil, Jill Vágner, Elina Huber) über eine Frau, die einen Shrimp aus dem Eisfach kratzt und aufgrund der Embryoform plötzlich überall Anzeichen für eine Schwangerschaft zu sehen glaubt.

Kurz und knackig ist der (unfreiwillige) Abstecher eines Klempners in einen Fetischclub («Pipes» von Kilian Feusi, Jessica Meier, Sujanth Ravichandran); vergleichsweise lang, aber supercute die Spitzmausfamilie in «La colline aux cailloux» (Marjolaine Perreten).

Doch auch schwere Themen fanden hier ihren Platz, wie in der Stop-Motion-Animation «Reprise» (Carine Chrast, Saskia Bulletti, Livia Neuschwander, Leance Volschenk), der subtil und einfühlsam Missbrauch thematisiert.

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Gewinner Schweizer Wettbewerb

  • Best Swiss: Die graue March (Charlotte Waltert, Alvaro Schoeck, 2023)
  • High Swiss Risk: Pipes (Kilian Feusi, Jessica Meier, Sujanth Ravichandran, 2022)
  • New Swiss Talent, Fantastic Swiss: Crevette (Sven Bachmann, Noémi Knobil, Jill Vágner, Elina Huber, 2023)
  • Special Mention Swiss Jury: Armat (Élodie Dermange, 2022)
  • Swiss Audience Award, Swiss Youth Award : La colline aux cailloux (Marjolaine Perreten, 2023)
  • Special Mention Youth Jury: Think Something Nice (Claudius Gentinetta, 2022)
  • Flying Anidoc Award: Beautiful Figures (Soetkin Verstegen, 2022)

Punk und Panorama

In der Kategorie «Panorama» werden jeweils aktuelle künstlerische Animationsfilme ausserhalb des Wettbewerbs gezeigt. Nicht ohne Grund haben sie das Selektionsteam zum Nachdenken angeregt: So leben beispielsweise Hamster in einem perfekten Land mit gut geölter Wirtschaft und 100% Glücksgefühl – so wird es ihnen zumindest weisgemacht … Oder ein Mann muss sich, nachdem er seine Frau und sein gutes Aussehen verliert, seinen inneren Dämonen stellen.

Nicht immer ästhetisch zu und her ging es im diesjährigen Thema «Punk Is Not Dead». Nicht nur thematisieren die hier gezeigten Filme unschöne Dinge wie Ungleichheit, Rassismus oder Gewalt, sondern trauen sich auch, visuell wenig ansprechend oder einfach nur ungehobelt zu sein. Oder bitterböse.

Länderfokus: Südkorea

Ein Merkmal des unabhängigen südkoreanischen Animationsfilms ist es, anhand der Geschichte einzelner die Geschichte aller zu erzählen und auf diese Weise Empathie aufzubauen. Dies zeigten Kurzfilme wie «Incomplete Woman» von Su-young Huh über eine Studentin, die sich unvollständig fühlt, oder «Manimals» (Seul-a Oh) über das aussichtslose Datingverhalten männlicher Stereotype.

Auch Langfilme waren Teil des Länderfokus, darunter «My Beautiful Girl, Mari» von Sung-gang Lee. Die wunderschön bebilderte Geschichte erzählt von den Jungen Nam-woo und Jun-ho, welche aus der Tristesse ihres Fischerdorfes in eine Fantasiewelt fliehen. In dem 2002 in Annecy prämierten Film prallen die harsche Realität und fantasievolle, bunte Bilder aufeinander – in einem betörenden und mitreissenden Ergebnis. Das Ende der Jugend wird mit viel Symbolik dargestellt, und gemeinsam mit den Protagonisten findet man neue Kraft für das Leben.

Extras: Schätzchen und Streicheleinheiten

Was wäre das Fantoche ohne besondere Extras – zum Beispiel den Badefilmprogrammen in Zusammenarbeit mit dem Verein Bagni Popolari? Filmgenuss im warmen Becken – eine feuchtfröhliche Erfahrung auch dieses Jahr.

Zurück im Trockenen holte man sich sanfte Streicheleinheiten bei queer-positiven Filmen ab («Stroke Me Softly») oder genoss ein spätabendliches Musikvideoprogramm. «Music Video Darlings Vol. 8» hiess das klingende Erlebnis, zu später Stunde im Kinosaal mit aufgedrehter Soundanlage. Ein Ritt durch die Stile, eine vorzügliche Zusammenstellung, die vorherige Ausgaben überragte. Hardcore und Metal, kurze Kuriositäten und entspannende Farbveränderungen – dieser Block liess die Glieder zappeln und die eigene Playlist um diverse Favoriten anwachsen. Genial der Wutausbruch von Boysel bei «Thunfisch», verstörend die Formen bei IGORRR, clever gemischt die Techniken bei MINE (feat. Sophie Hunger). Aber schaut doch selbst.

Fantoche • 21. internationales Festival für Animationsfilm

Ort:
Diverse Orte, Baden

Datum:
05. bis 10.09.20203

Website:
fantoche.ch

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