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Fantoche 2025: Arbeit und Vergnügen

von Michael Bohli • 09.09.2025

Der Besuch an einem Filmfestival bedeutet Freude, Überraschungen, Überforderung und Arbeit. Im Programm des Fantoche Animation Film Festival 2025 in Baden wurde das perfekt wiedergegeben.

Wer sagt, dass Filmeschauen und Kinobesuch Entspannung bedeutet, war noch nie mehrere Tage an einem Filmfestival. Zwischen Screenings, Gesprächen und der Verarbeitung des Gesehenen wird das Rahmenprogramm besucht, Nahrung beschaffen und das Programm studiert. Uff. Passenderweise legte das Fantoche International Animation Film Festival dieses Jahr den Fokus auf das Thema Arbeit.

Nebst den Kurzfilmwettbewerben, dem Panorama der neusten Langfilmproduktionen, Retrospektiven und zahlreichen Extras wurde der Kapitalismus aus der Sicht der billigen Arbeitskräfte beleuchtet: Uns Menschen.

Fokus Arbeit

Wir befinden uns in der letzten Phase des Kapitalismus und die Ausbeutung der arbeitenden Menschen hat stark zugenommen. «9 To 5» zeigte den Alltags-Grind, die Unterdrückung und den ewigen Kampf für bessere Bedingungen. Eine intelligente Auseinandersetzung mit dem Thema, im Gluri Suter Huus wurden im Fetisch-Club Rohre verlegt («Pipes» von Kilian Feusi, Jessica Meier, Sujanth Ravichandran), ein Kurzfilmblock betrachtet die feministischen Aspekte und beim Film «Chun Tae-il: A Flame That Lives On» (Jun-Pyo Hong) wurden wir ins Seoul der Sechzigerjahre transportiert.

Auch heute wird gewerkt und hantiert, die Gig-Economy hat neue Wege gefunden, uns mit noch weniger Mitteln dastehen zu lassen. Julian Glander mischte das in seinem Film «Boys Go To Jupiter» mit einer Coming Of Age Geschichte, surrealen Elementen und einer isometrisch ausgestalteten Welt aus dem Programm Blender. Schräg, packend und mit den Stimmen von Elsie Fisher und Eva Victor grossartig besetzt.

Aktuelle Langfilme

Wir lieben schräg, das Fantoche auch. Passenderweise wurde die Liebeserklärung an das chaotische, queere Dasein mit «Lesbian Space Princess» zum klaren Festival-Highlight. Der erste Langfilm von Emma Hough Hobbs und Leela Varghese ist bunt, sarkastisch, aneckend und ein Traum für alle, die dem heteronormativen Patriarchat den Kampf angesagt haben.

Stereotypen und altbekannte Muster wurden in den Filmen «Chao» von Yasuhiro Aoki und «Arco» von Ugo Bienvenu umgekrempelt. Ersterer nahm sich dem Meerjungfrauen-Märchen an, zweiterer lieferte eine Zukunftsvision voller Regenbögen und beruhigenden Ideen. Sehr bunt, aber inhaltlich ein typischer Vertreter von grusliger Comedy war «Night of the Zoopocalypse» von Ricardo Curtis und Rodrigo Perez-Castro. Ein knuffiges Vergnügen mit grossartig gestalteten Bildern und Meta-Witzen.

Grossartig war auch die Romanadaption «Amélie et la métaphysique des tubes», bei der Liane-Cho Han Jin Kuang und Mailys Vallade unsere Welt durch die Augen des Kleinkindes auf wunderschön berührende Weise darstellten. Ein Film, der mein Herz füllte und in jedem Aspekt überzeugte, obwohl ich die Bücher von Amélie Nothomb nicht kannte.

Ein Trip in meine eigene Vergangenheit lieferte die animierte Dokumentation «Le parfum d’Irak» von Léonard Cohen. In grafisch bestechender und reduzierter Weise erzählte der Film die Geschichte des Landes nach und lieferte eine bedrückende Zusammenfassung der Kriege und verübten Gewalttaten. Plötzlich waren meine damaligen Schulstunden mit Diskussionen über die Invasion der USA und dem unsäglichen «War On Terror» wieder präsent.

Beiträge aus der Schweiz

An meine Reise nach Barcelona dachte ich bei «Olivia and the Invisible Earthquake» nicht, der Stop-Motion-Film von Irene Iborra Rizo behandelte im spanischen Setting die Themen von Armut und psychischer Gesundheit auf treffende und für Kinder geeignete Weise. Die Produktion wurde von der Schweiz mitfinanziert und war neben «Mary Anning» (Marcel von Barelli) der zweite Langfilm mit hiesigem Support an diesem Festival.

Beim Kurzfilmprogramm war besonders der erste Block strahlend, gingen fast alle Preise an Werke aus dieser Zusammenstellung: In «Qui part à la chasse» thematisierte Lea Favre sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum und räumte die Awards Best Film und Best Swiss ab. Einen Abstecher ins Gesundheitswesen machten Luisa Zürcher mit «I’m not sure» über eine Tumoroperation (High Swiss Risk) und Aline Höchli mit «Caries» über … nun ja, Karies (Fantastic Swiss).

Im zweiten Block war es nicht weniger aufregend, mit dem wunderbar entrückten «Progress Mining» (Gabriel Böhmer), dem in allen Belangen flimmernden «TV oder Die Ruhestörung an der Waldbergstrasse» von Frederic Siegel oder dem frechen «Cottage Cheese» des Quartetts Liina Luomajoki, Lena Metzger, Janina Müller und Alice Kunz.

Tokay lieferte mit «Double or Nothing» Stop-Motion-Güte, Laura Kohler liess Bleistiftzeichnungen zu Bassklängen schwingen. Und was Geena Gasser für «Labouyi Bannann» aus Bananen fabriziert hat, passt nicht nur perfekt zum Magazin «Riz Casimir», sondern überraschte schmackhaft.

Ob Erschöpfung oder nicht, das Fantoche war auch in der 23. Ausgabe ein fantastisches Festival und ein Ort voller Leidenschaft und Kreativität.


Mehr Phosphor: Unsere Gedanken zu den langen und kurzen Filmen am Fantoche 2024.

Fantoche Animation Film Festival

Ort:
Diverse Lokale, Baden

Datum:
2. bis 7.09.2025

Website:
fantoche.ch

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