von Cornelia Hüsser • 18.11.2025
Regie: Pierre Monnard
Land: Schweiz
Kinostart: 20.11.2025
Verleih: Ascot Elite Entertainment
Die Köchin der Nation kommt auf die Leinwand, und mit ihr fünf denkwürdige Portionen Riz Casimir. Diese spielen im Film aber nur eine Nebenrolle. Im Mittelpunkt steht Emmi Creola-Maag – besser bekannt als Betty Bossi.
Wir schreiben das Jahr 1956. In einem Steffisburger Grossraumbüro tippt Emmi Creola Werbetexte für den Speisefetthersteller Astra in eine Schreibmaschine und serviert Kaffee. Eine Frau mit Verantwortung! – Die wichtigen Entscheidungen werden derweil von den Männern im Sitzungszimmer getroffen. Dass ein solcher Emmis zwei Minuten zuvor formulierte Idee, die Werbung mithilfe einer fiktiven Food-Influencerin an die Frau zu bringen, als seine eigene verkauft: geschenkt. Dass der Chef, wurde die Idee erst einmal von einem Mann dargebracht, sich dann plötzlich doch dafür interessiert: Man kennt es.
Emmi weiss nämlich, im Gegensatz zu ihrem unsympathischen (weil französelnden) Konkurrenten, auch ohne Amerika-Aufenthalt, was ihre Zielgruppe braucht. Zwischen dem Herumschlagen mit mangelhaften Haushaltsgeräten, der Vorzeigbarmachung des Nachwuchses und dem Hinterherräumen nach dem Gatten will sie vor allem eines: nicht drei Stunden in der Küche stehen, um all die Münder auch noch zu füttern. Was die moderne Frau braucht, ist eine beste Freundin. Mit zeitsparenden Koch- und Haushaltstipps.
Betty Bossi ist also geboren. Ihren zu Beginn entstehenden Text zum Thema Notvorrat wird Emmi Creola vermutlich nie fertigstellen (wer sich trotzdem Tipps dazu wünscht, findet solche übrigens in unserem Magazin Riz Casimir). Und so beobachten wir Emmi (gespielt von Sarah Spale) fortan dabei, Männer zu überzeugen. Vom Konzept einer Kochzeitung, von kulinarischen Experimenten oder einfach von der Idee, einen Job zu haben, anstatt in Vollzeit den ganzen Haushalt allein aufrechtzuerhalten. Fast 70 Jahre später ist ihre Marke in der echten Welt noch immer in den Coop-Regalen zu finden; ihre Beharrlichkeit hat sich offensichtlich ausgezahlt.
Doch seien wir ehrlich: Was uns als «mutige Empowerment-Story» angepriesen wird, ist schlussendlich die Geschichte einer Frau, die zwar sicherlich nicht auf den Mund gefallen war, aber auch einfach verdammt viel Glück und ein paar Privilegien hatte. Zum Beispiel einen Mann, der sich als Firmeninhaber einen zeitigen Feierabend herausnehmen kann, um den Kindern liebevoll einen Toast Hawaii zuzubereiten. Aloha aus dem Backofen.
Schön sind natürlich die gastronomischen Referenzen an die 1950er Jahre. In der heimischen Einbauküche wird der Chnöpfliteig noch händisch durch das Sieb gestrichen, während die Kinder nebenan Brotscheiben im neuartigen Toaster verkohlen lassen. Zögerlich nähern sich Herr und Frau Schweizer der Exotik ausländischer Gerichte (Cannelloni) an, und während man lernt, Kaffee ohne Rahm zu trinken, wird «Betty Bossi» auch schonmal zur Gallionsfigur italienischer Gastarbeiter (Kommunisten) hochstilisiert. Ein Flop ist eigentlich nur das Riz Casimir (zu viel der Exotik) mit gebratenen Bananen (auch dazu mehr in unserem Magazin Riz Casimir). Und das nebenbei stattfindende politische Geschehen auf dem frisch installierten Fernsehgerät. Ja, wir wissen, dass Sputnik irgendwann damals von den Russen ins All gepfeffert wurde.
Zeitgeschichtliches wird so im Film zwar angeschnitten, thematische Vertiefungen – sei es zur Kulinarik, zu PR-Geschichte oder zu feministischen Kämpfen – finden aber nicht statt. Untergebracht in kurzen, komödiantischen Situationen, kann man kurz über Politik und Patriarchat lachen, ohne zu fest darüber nachzudenken. (Ihr wisst aber, wo ihr Ernsthaftes zu all diesen Themen findet: im Magazin Riz Casimir).
Am Ende ist «Hallo Betty», wie auch die Kunstfigur Betty Bossi selbst, vor allem eines: eine Werbestrategie, die mit begleitender Kochshow, Kochbuch und Produktplatzierungen Kindheitserinnerungen und damit verbundene Konsumgelüste wecken soll. Vielleicht wird es ja wirklich langsam Zeit für einen Spätzliblitz, jetzt, wo Weihnachten wieder vor der Tür steht. Als Film ist «Hallo Betty» aber so harmlos wie das Filet-Chüsseli, das man in den feierabendlichen Mund bettet: ganz bequem, aber auch unspektakulär.