von Michael Bohli • 07.08.2025
Regie: Çağla Zencirci, Guillaume Giovanetti
Land: Türkei
Jahr: 2025
Verleih: trigon-film
Das Kammerspiel als Film: Çağla Zencirci und Guillaume Giovanetti liefern bei «Confidente» gesellschaftskritische Hochspannung aus dem Erotik-Callcenter.
Obwohl es im Geheimen geschieht, ist es eine intime Vetrauensfrage; das Telefonat beim Erotik-Callcenter. Männer leben ihre Fantasien aus, hintergehen ihre Partnerinnen und erregen sich an den gespielten Machgefällen. Für Sabiha ist es Arbeitsalltag und Gefahr zugleich, darf ihr Mann nichts von der Tätigkeit erfahren.
Dass der Boss des Centers zudem eigene Ziele verfolgt und die Frauen unter scharfer Beobachtung hält, sorgt für weitere Spannungen. Als eines Tages die Erde in Istanbul bebt und Sabiha in ein Intrigenspiel zwischen Staatsanwalt, Gangster und in Lebensgefahr schwebenden Jugendlichen hineingezogen wird, schein alles auf ein böses Ende hinzudeuten.
Das Regieduo Çağla Zencirci und Guillaume Giovanetti nutzt die Grundlage des Kammerspiels für eine direkte Betrachtung der korrupten und patriarchalen Verbrechen, die in der Türkei geschehen. «Confidente» ist ein inszenatorisch kleingehaltener Film, der seine volle Wirkung durch die Nähe zur Figur Sabiha (aufwühlend von Saadet Işıl Aksoy gespielt) entfällt. Die Kamera weicht nicht von ihr ab, das Luftholen wird gemeinsam mit der Figur schwierig.
Ohne Ausweichmöglichkeiten zieht uns «Confidente» in die Untiefen des misogynen Sumpfs, zwischen Geldgier, Unterdrückung und Machtmissbrauch. Die Tonspur ist sehr wichtig, die Telefonate bringen den Thriller in die Nähe von Hörspielen, die Bildgestaltung labt sich an warmen Farbtönen.
Wenn uns Çağla Zencirci und Guillaume Giovanetti am Schluss gemeinsam mit der Hauptfigur unter den offenen Himmel bringen, findet keine Befreiung statt, sondern die Offenbarung des wahren Ausmasses der Lügen. «Confidente» ist trotz unscheinbarer Form ein politisch wichtiges und aufreibendes Werk.