Kino: Je suis noires

von Cornelia Hüsser • 11.05.2023

Regie: Rachel M'Bon · Juliana Fanjul
Land: Schweiz
Jahr: 2022
Verleih: First Hand Films

In der Schweiz, dem Land der Neutralität und des Wohlstands schlechthin, werden ungewohnte Stimmen laut: In «Je suis noires» kommen Frauen zu Wort, die strukturellen Rassismus und Diskriminierung am eigenen Leib erfahren.

Sie ist Schweizerin, sie ist Kongolesin und Person of Colour – eine Frau mit dunkler Hautfarbe, geboren im französischsprachigen Teil der Schweiz. Es ist dieser Kontext, vor dem die Journalistin Rachel M’Bon mit der Suche nach der eigenen Identität beginnt. Denn obwohl sich unser aller Land gerne als besonders neutral darstellt, wird sie hier – wie überall in der westlichen Welt – regelmässig mit Diskriminierung, Sexismus und Rassismus konfrontiert. Eine öffentliche Debatte darüber findet kaum statt.

Rund drei Prozent der heutigen Schweizer Bevölkerung sind Schwarz. Das Erbe der kolonialen Vergangenheit nährt noch immer rassistische Vorstellungen und Verhaltensweisen – selbst, wenn das unbewusst geschieht. Die Folgen sind strukturelle Benachteiligung und der ständige Zwang, die eigene Anwesenheit zu rechtfertigen. Wie kann man in einem Land leben, das einen ignoriert?




Eine Gemeinsamkeit – viele Realitäten

Während ihrer Suche porträtieren die Regisseurinnen Rachel M’Bon und Juliana Fanjul Frauen, die verschiedenste Schwarze Lebensrealitäten in der Schweiz repräsentieren. Die Protagonistinnen in «Je suis noires» erzählen von Unsicherheiten, Rassismuserfahrungen und der Suche nach dem eigenen Platz in der Welt, wenn man sich weder hier noch dort akzeptiert und zugehörig fühlt.

Da ist Tallulah, die sich als Mädchen nichts sehnlicher wünschte, als eines Morgens mit weisser Haut aufzuwachen. Da ist die Psychologin Carmel, die beschreibt, wie sie in Läden jeweils eine Spezialüberwachung durch das Personal erhält. Oder Brigitte, die als erste Schwarze Frau in der Schweiz als Anwältin zugelassen wurde und davon erzählt, wie ihre Kinder in der Schule benachteiligt werden. Sie sind Bankerinnen, Schriftstellerinnen, Studentinnen – gebildet, bestens vernetzt und dennoch diskriminiert.

Die Dekonstruktion der Stereotype

Die Schilderungen der Interviewten gehen nahe, machen bisweilen wütend – insbesondere, wenn einem der allgegenwärtige strukturelle Rassismus bewusst gemacht wird. Klang und Bilder erzeugen eine greifbare Traurigkeit darüber, dass die Welt nicht besser sein kann. Dennoch tut es gut, dabei zuzusehen, wie sie Stereotypen dekonstruieren und Hoffnung schaffen. Eine spannende und wichtige Dokumentation für die Schweiz.