Kino: Lydia – Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus

von Michael Bohli • 06.02.2026

Regie: Stefan Jung
Land: Schweiz
Jahr: 2025
Verleih: anderdog Film

Im 19. Jahrhundert kämpfte Lydia Welti-Escher für eine selbstbestimmte Existenz. Die Dokumentation «Lydia – Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus» von Stefan Jung macht das Ringen sichtbar.

Wir leben in einer Welt, in der Männer die Gesellschaft formen und die Geschichtserzählung bestimmen – auch im 21. Jahrhundert sind die patriarchalen Strukturen dicht und unbarmherzig. Jeder kleine Schritt in Richtung Gleichberechtigung und feministischer Stärke muss mit viel Energie erkämpft werden.

Noch schlimmer war es Ende des 19. Jahrhunderts, Frauenrechte waren praktisch inexistent, die Oberhäupter wohlhabender Familien bestimmten das Geschick der Frauen; wie bei Lydia Welti-Escher, der Tochter des Zürcher Politikers und Unternehmers Alfred Escher. Ihr Leben wurde vom machthungrigen Vater dirigiert, ihre Ehe mit Friedrich Emil Welti war als Support für dessen Karriere und Ansehen gedacht.

Lydia wollte sich nie mit dieser erdrückenden Enge der Existenz abfinden und versuchte ihr Leben selbstbestimmt zu führen – was nach einer Liaison mit dem Maler Karl Stauffer in der Einweisung im Irrenhaus endete. Der Dokumentarfilm «Lydia – Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus» zeichnet Welti-Eschers Lebensweg anhand der dort protokollierten Gespräche nach.

Stefan Jung arbeitet in seinem Film geschickt mit mehreren Ebenen, die audiovisuell zusammenkommen: Aufnahmen von verlassenen Gebäuden, Aussagen von Historiker:innen und die Off-Stimme Lydias, wiedererweckt dank ihren damaligen Aussagen. In der relativ kurzen Laufzeit bilden die Elemente eine gelungene Dichte, der Film legt die extremen, männlichen Handlungen von damals offen.

Nicht nur wurde Lydia Welti-Escher jegliche Selbstbestimmung verwehrt, ihr Vermächtnis wurde sogleich aus den Geschichtsbüchern gestrichen, ihre Stiftung umgenutzt. Stefan Jung macht mit dem Film Leerstellen sichtbar und die weibliche Stimme hörbar. Dabei gelingt es der Produktion besonders nach dem Abspann zu wirken und als Spiegel für die heutige Schweiz zu fungieren.

Unsere Gesellschaft ist unterdrückend, ungerecht und lässt Frauen in vielen Situationen keine Selbstermächtigung zu. Mit Werken wie «Lydia – Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus» wird das unterstrichen und die Fehler der Vergangenheit hell angestrahlt.


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