von Michael Bohli • 26.04.2026
Anfang 2025 wurde aus dem Aggregat Studio in Bern eine GmbH. Wir haben das Trio besucht und über den Animationsfilm und die gemachten Erfahrungen gesprochen.
Nachdem sie an der HSLU gemeinsam Animation studiert haben, gründeten sie zu dritt das Aggregat Studio in Bern. 2025 wurde daraus eine GmbH und die Zusammenarbeit gestärkt. Wir haben Anna Lena Spring, Sarah Binz und Lara Perren in ihren Räumlichkeiten getroffen, um auf die letzten zwölf Monate zurückzublicken und über den Animationsfilm zu sprechen.
Zwischen zahlreichen Pflanzen arbeiten die drei an unterschiedlichen Projekten wie Kurzfilme, Musikvideos, Werbetrailer oder Illustrationen. Die Aufgabenverteilung erfolgt flexibel und je nach Fähigkeiten und Verfügbarkeit – was eine kreative Vielfalt mit starkem Ausdruck garantiert. «Was glitzert» ist ihr erster Kurzfilm unter dem neuen Banner.
Phosphor: Seid ihr oft auf dem Gurten?
Anna Lena Spring: Ich war zum Mittagessen bereits oben. Oder an der Aare, die bei uns durchs Quartier fliesst.
Sarah Binz: Ich mache am Mittag lieber einen fünfminütigen Spaziergang an die Aare als die längere Strecke auf den Gurten.
Welchen Film habt ihr zuletzt gesehen?
Lara Perren: Zuletzt habe ich mir «Silent Friend» im Kino Rex in Bern angeschaut; eine fesselnde Geschichte über die Kommunikation zwischen Menschen und Pflanzen.
Sarah: Zuhause schaue ich aktuell erneut die Anime-Serie «Detektiv Conan» und im Kino war ich zuletzt für die neue 4K-Version von «Prinzessin Mononoke».
Anna: Mein letzter Kinobesuch war «Zootopia 2».
Das Medium Film macht euch scheinbar privat weiterhin Spass?
Lara: Auf jeden Fall, auch wenn ich persönlich nicht übermässig viele Animationsfilme schaue. Am liebsten geniesse ich diese an Festivals, wie auch Kurzfilme.
Sarah: Oft denke ich auch, dass ich mehr Klassiker schauen sollte; Filme, über die alle immer reden. (lacht)
Ihr habt im Januar 2025 eine GmbH gegründet. Wie war das erste Jahr?
Anna: Wir waren sehr beschäftigt und haben unseren ersten Film «Was glitzert» umgesetzt. Die Produktion ging 2025 von Frühling bis Winter und wurde diesen Februar fertig. Gemeinsam mit Lara habe ich Regie geführt, und Sarah und zwei weitere Personen (Sina Lerf & Nina Christen) haben mit uns animiert und koloriert. Zudem waren Stimmaufnahmen, Musik und die Aufnahme von Geräuschen in London notwendig.
Lara: Es war eine intensive Zeit, da wir auch noch weitere Auftragsarbeiten und den Trailer für das Kino Rex in Bern gestaltet haben. Im Sommer hatten wir Events wie Livezeichnen und Gestalten von Temporary Tattoos am Buskers in Bern und in St.Gallen während der WEURO.
Sarah: Da ich nicht Regie geführt habe, konnte ich zudem als Videografin für Kund:innen extern arbeiten – was als Gesamtpaket Drehbuchkonzept, Umsetzung und Schnitt beinhaltet. Und ich war als Moderatorin bei Festivals und arbeite an einem Vorkurs zum Thema Filmschnitt und Motion Design als Vermittlerin dabei.
Der Name Aggregat Studio bezieht sich auf Flexibilität. Das scheint notwendig zu sein.
Sarah: Ja, es spielt darauf an, dass wir wandelbar und gleichzeitig konkret sind. Wir setzen Ideen und Konzept flexibel und kreativ um.
Hat die kreative Arbeit weiterhin genügend Raum?
Anna: Bei einer Filmproduktion ist es spannend zu beobachten, dass der Start sehr kreativ ist und es später im Prozess mehr Fleissarbeit wird. Aktuell haben wir wieder Lust auf den kreativen Teil und darauf, neue Ideen zu entwickeln. Gerne vermehrt auch losgelöst von einer Produktion, im Privaten.
Lara: Wichtig ist auf jeden Fall, dass die Kreativarbeit weiterhin ihren Platz hat und die administrativen Aspekte nicht Überhand nehmen.
Habt ihr Werkzeuge und Mittel, mit denen ihr am liebsten arbeitet?
Sarah: Wir arbeiten oft mit TV-Paint, einer Software für einer Software für digitale Frame by Frame Animation.
Anna: Stift und Papier sind für Skizzen und Storyboards weiterhin essentiell. Zu Beginn des Prozesses arbeiten wir sehr oft und gerne analog.
Sarah: Für mich haben Stift und Papier zudem einen stärkeren emotionalen Ausdruck als digital erstellte Zeichnungen.
Wie viel Mut braucht es, zusammen ein Studio und daraus eine GmbH zu gründen?
Lara: Das Thema Mut wird oft angesprochen, für mich war unser Weg aber eine natürliche Entwicklung. Sicherlich ist es eine grosse Entscheidung, doch schlussendlich haben wir diese Jobs im Studium gelernt und darauf aufgebaut. Zudem haben wir vor der GmbH-Gründung drei Jahre als Einzelfirma gearbeitet, wobei uns der Entscheid nochmals näher zusammengebracht hat.
Sarah: Die Idee, dass wir zusammen etwas aufbauen möchten, war schon lange da. Es war aber weniger eine Mut-, sondern mehr eine Zeitfrage.
Wie findet ihr einen passenden Stil für die jeweiligen Projekte?
Sarah: Das ist sehr projektabhängig, je nach Vorgaben oder Vorstellungen der Kund:innen. Bei uns intern spielt zudem die jeweilige Auslastung eine Rolle, und auch das zur Verfügung stehende Budget.
Unterscheidet sich die Herangehensweise je nach Format und Auftrag?
Anna: Fast alles beginnt mit dem Storyboard, wir sammeln Ideen und entwerfen erste Bewegungsabläufe. Dann entsteht ein Video aus den Storyboardbildern, das uns ein Gefühl für das Timing und den Ablauf gibt. Diese Entwürfe helfen, unsere Ideen verständlich an die Kundschaft zu vermitteln. Parallel dazu entwickeln wir Stilbilder in Farbe.
Sarah: Bei der Arbeit mit Realfilm versuche ich aus dem Material einen Aufbau zu finden, der Spannung generiert, und inkludiere möglichst bald die Musik, um den passenden Rhythmus im Schnitt zu finden. Bei Animationsfilmen wird der Sound bereits beim Animatic hinzugefügt, um das Timing zu definieren.
Anna: Gewisse Szenen wurden beim Film «Was glitzert» erst am Schluss fertig animiert, um die Lippensynchronität bei den Sprachaufnahmen garantieren zu können.
Welchen Stellenwert hat der Animationsfilm in der Schweiz aus eurer Perspektive?
Anna: Mit den drei Animationsfilm-Festivals in Baden (Fantoche), Genf (Animatou) und Savigny (Festival du Film d’Animation) erhält der Film auf jeden Fall seinen Raum, bleibt aber trotzdem eine Nische.
Sarah: Die Animationsindustrie ist relativ klein und familiär. Animationsfilme sind sehr bereichernd, weil Dinge erzählt werden, die man im realen Leben nicht visualisieren kann. Animationsfilme sind nicht nur für Kinder gedacht, sondern können spannende Themen aufgreifen. Jedoch ist es schwierig, ein erwachsenes Publikum im Mainstream zu erreichen.
Lara: Das Vorurteil, dass animierte Filme für Kinder sind, ist ausserhalb der Branche weiterhin präsent. Bei Veranstaltungen wie dem Fantoche zeigt sich aber jährlich, dass sich das Bewusstsein verändert; dort wird es von allen Altersschichten zelebriert.
Einen Beitrag hat sicher auch der Anime-Boom im Kino geleistet.
Anna: Ja, und auch Streamingdienste wie Netflix, die animierte Serien für ein erwachsenes Publikum produzieren.
Sarah: Hinzu kommt, dass unsere Generation viel stärker mit animierten Serien und Filmen aufgewachsen ist, inklusive Anime. Nischig bleiben hingegen oft die Indie-Produktionen.
Kurzfilme sind ein ähnliches Thema, im Kinoalltag finden diese kaum statt. Was würdet ihr ändern?
Sarah: Einen Kurzfilm als Vorfilm im Kino zu zeigen, wäre aus meiner Sicht der ideale Ort, um neue Inhalte und Formen zu entdecken und Gedanken anzuregen.
Anna: An Festivals mag ich die Kurzfilmblöcke sehr, besonders wenn diese thematisch zusammengestellt werden. Das dürfte gerne öfters im Kino präsentiert werden, zum Beispiel in thematischen Reihen von Programmkinos. Ebenso könnten Kurzfilme im Unterricht zielgerichtet gezeigt werden.
Lara: Oder an Orten wie im Museum oder einem Firmenevent – als Auflockerung und Gesprächsstoff.
Was erwartet uns in Zukunft vom Aggregat Studio? Habt ihr Traumprojekte?
Sarah: Ich arbeite an einer neuen Filmidee, die ich vor längerer Zeit hatte und die jetzt endlich gereift ist. Zudem werde ich im Herbst extern bei einem anderen Projekt mitarbeiten.
Lara: Auch ich habe einige Ideen, die ich gerne verfolgen würde. Zuerst stehen aber gemeinsame Arbeiten an, die wir anpacken wollen – wie die Überarbeitung unserer Website.
Anna: Im Sommer werde ich zudem an einer Gruppenausstellung in Lyss und Dotzigen teilnehmen. Es ist also immer etwas los!
Danke für eure Zeit und das Gespräch.
Über Aggregat Studio:
Bestehend aus Anna Lena Spring, Lara Perren und Sarah Binz produziert das Aggregat Studio seit 2022 eigene Kurzfilme, Erklärvideos, Musikvideos, Illustrationen und vieles mehr. Hinzu kommen Schulungen und Workshops für Firmen und Kinder. 2025 wurde die GmbH gegründet.
Der Fokus ihrer Arbeit liegt auf der klassischen 2D-Animation, meist in einem verspielten und simplen Zeichnungsstil.