von Michael Bohli und Liliane Holdener (Bilder) • 14.02.2026
Ursprünglich in Zofingen aufgewachsen, ist die Künstlerin Evelyn Vonesch heute in Bern tätig. Wir haben sie in ihrem Atelier im Schwobhaus besucht.
Spiegel mit ausgeschnittenen Menschenformen, angemalte Handläufe, Videoarbeiten: Die Künstlerin Evelyn Vonesch arbeitet mit unterschiedlichen Materialen und macht mit ihren Werken die unsichtbaren Aspekten im Leben erlebbar.
Die in Zofingen aufgewachsene Künstlerin lebt in Bern und ist in der Ateliergemeinschaft Schwobhaus tätig. Zuletzt waren ihre Arbeiten im Aargauer Kunsthaus in Aarau, im Kunsthaus Langenthal und im Espace Formaline in Suhr zu erleben. Wir haben sie an einem Freitagnachmittag besucht und uns über ihren Werdegang, ihre Herangehensweise an die Kunst und aktuelle Projekte unterhalten.
Phosphor: Evelyn, du hast uns durch das Schwobhaus geführt. Wie bist du hier dazugestossen?
Evelyn: Als ich in Zürich wohnte, war ich in der Zwischennutzung «Badi 409» in einem Kinderheim tätig; ein selbstorganisierter Zusammenschluss aus künstlerischen, sozialen und politischen Kollektiven und Projekten. Nach meinem Umzug nach Bern wollte ich mich in der örtlichen Kultur- und Kunstszene engagieren. Das ist im Schwobhaus neben der Atelierarbeit möglich, hier finden regelmässig Veranstaltungen statt. Geführt wird das Haus durch ein Kollektiv, Entscheide werden in monatlichen Sitzungen getroffen. Seit anderthalb Jahren bin ich sehr viel hier in am Arbeiten.
Du arbeitest mit unterschiedlichen Materialien, mit klarer Sprache und präziser Ausarbeitung. Wie viel Zeit verwendest du für ein Projekt?
Ich würde mich in der Mitte zwischen schnell arbeitenden und jahrelang werkelnden Personen einordnen. Vielfach arbeite ich auf Deadlines für Ausstellungen hin. Zu Beginn der Konzeptphase dauert der Prozess länger. Ich lese und recherchiere viel, skizziere und wage Versuche.
Bei der Fertigstellung beschleunigt sich der Prozess; meist arbeite ich mehrere Monate bis zu einem halben Jahr an einem Projekt. Schwierig ist es, den Moment des Wechsels von der Recherche zur Arbeit nicht zu verpassen.
Bedingt die Idee das Material, verändern sich deine Ideen durch Materialien?
Meist beginne ich mit einer Konzeption, das dazu passende Material kommt später. Bei der Arbeit «Ein-Lass-Aus-Los» war die Fragilität des Behälters für die ungeweinten Tränen wichtig, für mich kam nur Glas in Frage – das Material füllte meine Idee aus.
Es gibt aber auch Situationen, in denen sich das Material im Prozess ändert, wie bei der Pokalarbeit «Komplimente (Ein Archiv)», an der ich aktuell arbeite. Zuerst war das Material unklar, dann kam mir plötzlich die Idee, mit existierenden Pokalen zu arbeiten. Dadurch habe ich viele Erkenntnisse zu der Konstruktionsweise und der Verarbeitung von solchen Gegenständen gewonnen.
Ein-Lass-Aus-Los. 2025.
Mundgeblasenes Glas, Vernickelter Zink, Edelstahl. 3 Objekte à 15x13x8 cm.
Die Arbeit thematisiert das Zurückhalten von Gefühlen. Die Objekte dienen als Behälter für ungeweinte Tränen. Verdrängte Verletzungen und schmerzhafte Erlebnisse stauen sich im Innern, anstatt nach aussen zu fliessen. Die Blase, das Organ des Loslassens, wird hier zum Sinnbild des Festhaltens. Im Werk wuchert die Blase aus, als Ausdruck angestauter, blockierter Emotionen. Der wachsende Druck zeigt sich in psychosomatischen Symptomen, oft ohne klar erkennbaren Auslöser.
Die Verbindung aus fragilen Glasobjekten und klinischer Labortechnik verweist auf das Spannungsfeld zwischen Schmerz, medizinischer Behandlung und der Abhängigkeit vom medizinischen System, das zugleich helfen und entmündigen kann.
Die Arbeit versteht sich als stilles Denkmal für das, was keinen Ausdruck fand. Für das, was sich im Innern ablagert und somit Teil des Körpers bleibt.
Bist du eine spontane Person?
Ich glaube schon, ja. Zumindest flexibel, nicht so stark in der Routine gefangen – was sehr wichtig ist, da sich die ersten Vorstellungen selten mit dem Resultat einer Arbeit decken.
Legst du beim Kuratieren von Ausstellungen von Beginn an vieles fest, oder entstehen durch Austausch neue Richtungen?
Ich halte es bewusst offen, da wir eingeladenen Künstler:innen eine freie Plattform bieten wollen. Mit der Veranstaltung «zweizimmer, drei Gänge» etwa schafften Mara Meier und ich mit unserem Verein «zweizimmer» drei kulinarische Ergänzungen zu Performance und Präsentation. Hier gehen wir auf die konkreten Wünsche der Artists ein.
Das ist sehr spannend, durch Gespräche entstehen Räume und Experimente. Es ist ein Miteinander. Dasselbe suche ich auch bei meinen Arbeiten, bei denen ich mit Handwerkern zusammenarbeite oder mit Künstlerkolleg:innen über meine Werke spreche.
Der Verein «zweizimmer» bezweckt die Durchführung zeitgenössischer Gruppen- oder Einzelausstellungen, mit internationalen Künstler:innen, die am Anfang ihrer künstlerischen Karriere stehen. Das Projekt bietet mit seinen acht Wänden Raum für kollektives Arbeiten, Ausprobieren und Weiterdenken. Das Konzept ist beweglich und erlaubt Formveränderung und Wachstum.
Der Verein «zweizimmer» führte in Kollaboration mit der Schwobhaus Eventreihe «FIAA» im Oktober 2025 die Veranstaltung «zweizimmer, drei Gänge» durch.
Du bist also eine Person, die Feedback wünscht und zulässt?
Ja, in der späteren Schaffensphase öffne ich mich für Feedback. Wenn die Idee zu frisch ist, ist negative Kritik eventuell der Weiterentwicklung hinderlich. Sobald sich ein Projekt formt, gehört Feedback dazu. Das habe ich im Studium beim engen Austausch mit meinen Mentor:innen gelernt.
2024 hast du die Textsammlung «Tomato Sauce Maybe» veröffentlicht. Begleiten dich Worte weiterhin?
Nicht in der Endform, aber ich schreibe aktuell viel über meine Arbeit; Recherchen, Konzepte und Ähnliches. Ein weiteres Buch ist aktuell nicht in Planung, Publikationstätigkeit ist aber ein sehr interessantes Feld.
«Tomato Sauce Maybe» war eine positive Erfahrung, ich habe mit der Ich-Perspektive experimentiert, dem narrativen Ich; ein konstruiertes Ich. Das autofiktionale Schaffen ermöglicht es, Ideen mit Erlebtem zu mischen. Zudem ermöglichen unterschiedliche Perspektiven neue Erfahrungen, zum Beispiel, wenn ich einen Text aus männlicher Sicht verfasse.
Seitdem habe ich viele Momente aus dem Alltag aufgeschrieben, wie etwa mitgehörte Diskussionen im Zug.
Die Textsammlung beinhaltet viel Persönliches, zum Beispiel eine Liste deiner ehemaligen Wohnadressen. Wie weit öffnest du dich für deine Kunst?
Ich interessiere mich kunsthistorisch für feministische Positionen, die das Private in die Öffentlichkeit transportieren; der feministische Blick als Gegenpol. Im Gegensatz zur Narrative der Kunst, dass Gefühle nicht Kunst sein können, versuche ich diese Position zu öffnen und verschiedenen Menschen Zugang zu bieten.
Erklärst du deine Kunst gerne oder lässt du sie lieber im Raum stehen?
Es braucht beide Aspekte. Jede Person soll beim Betrachten von Werken ihre eigenen Überlegungen anstellen können, welche ich im zweiten Schritt mit zusätzlichen Informationen erweitern kann. Ich will aber nicht von Beginn an alles verhindern, was individuell entstehen könnte. Kontext zu schaffen ist hingegen sehr wichtig.
Wie wichtig ist für dich die Präsentation deiner Kunst?
Sehr wichtig. Ich denke sehr viel über Präsentation, Installation und Raum nach. Bei der Arbeit «Ein-Lass-Aus-Los» dachte ich für das Aargauer Kunsthaus zuerst über einen medizinischen Tisch als Display nach, bevor es schlussendlich drei reduzierte Sockel wurden.
Für mich ist ein White Cube nicht zwingend, allerdings muss für jeden Raum das Konzept überdacht werden – was ich als Teil meiner Arbeit betrachte.
Was dürfen wir von deiner Ausstellung im kunstkasten Winterthur erwarten?
Ich werde die Arbeit «Komplimente (Ein Archiv)» in erweiterter Form präsentieren. Die von mir umgebauten Pokale zieren Nachrichten, die ich als Komplimente bei Bumble erhielt. Damit werden persönliche Erlebnisse zur kollektiven, weiblichen Erfahrung.
Komplimente (Ein Archiv). 2025.
Marmor, Metall, Kunststoff.
Auf einer bekannten Online-Dating-Plattform bekomme ich zahlreiche Komplimente von Männern, die sich strukturell bedingt fast ausschliesslich auf mein Aussehen beziehen. Diese Form der Aufmerksamkeit bewegt sich zwischen Wertschätzung, Erwartungshaltung und Sexualisierung. Sie beeinflusst meine Wahrnehmung und markiert eine Dynamik zeitgenössischen Datings, in der Anerkennung und Objektifizierung kaum voneinander zu trennen sind.
Die Arbeit überführt einige dieser digitalen Komplimente in physische Trophäen, deren Sockel diese als Inschriften tragen. Die Trophäen wurden dekonstruiert, ihrer traditionellen Bedeutungslogik von Sieg, Bewertung und Hierarchie entzogen, formal verfremdet und auf eine irritierende Wirkung hin angelegt. Sie spiegeln die Absurdität der geäusserten Worte und verweisen auf geschlechtsspezifische Rollenbilder wie das der «Trophy Wife».
Die Skulpturen machen die latente Konkurrenz, die Reduktion auf Äusserlichkeiten und die Erwartung von Gefälligkeit sichtbar und transformieren oberflächliche Bewunderung in Kritik an gesellschaftlichen Normen, Machtstrukturen und feministischer Selbstermächtigung.
Die Arbeit eröffnet einen Raum der Aneignung: Kann Aufmerksamkeit, die auf das Äussere gerichtet war, auf mein künstlerisches Werk gelenkt werden? Sie reflektiert, welche Formen der Sichtbarkeit Frauen digital und historisch zugestanden werden und welche sie sich nehmen können.
Durch deine Wohnorte und Ausbildung hast du viele Erfahrungen gemacht. Wie kommen diese Einflüsse bei dir zusammen?
Meine Grundausbildung an der ECAL (École cantonale d’art de Lausanne) hat mich stark geprägt, besonders das konzeptionelle Denken, das Abstrahieren und zu lernen, was mich interessiert. Ich hatte viel Raum für Versuche und lernte viele Menschen kennen.
Der Vorkurs an der F+F Schule für Kunst und Design Zürich hat mich davor in Richtung Kunst gebracht und meine Motivation angeregt. Zuvor dachte ich an Studienrichtungen wie Grafikdesign oder Fashiondesign.
Beim Austausch an der Universität für angewandte Kunst Wien habe ich Malerei studiert, eine Disziplin, die ich weiterhin sehr mag. Oder die Erweiterung dieser in den szenografischen Raum.
Meinen Master habe ich an der HKB (Hochschule der Künste Bern) gemacht, was wiederum eine andere Erfahrung mit starken persönlichen Kontakten zu meinen Mentor:innen war. Zudem war es ein schöner Ort, um in Bern anzukommen.
Entsprachen die Orte deinen Erwartungen oder Hoffnungen?
Die Zeit an der ECAL war auf jeden Fall ein Lebenswandel. Ich bin von Zürich nach Lausanne umgezogen und hatte ein mehrstufiges Bewerbungsverfahren. Als ich aufgenommen wurde, hat mich das nicht nur sehr gefreut, sondern auch auf meinem Weg bestärkt.
An welchen Orten würdest du gerne einmal wirken?
Ich bin sehr gerne in Bern, kann mir aber vorstellen, Residenzen zu machen. Zum Beispiel in Mexiko-Stadt, was durch die Kollaboration mit einer Freundin bald möglich werden könnte. Auch Wien ist mir weiterhin nahe und ich besuche die Stadt gerne.
Du bist in Zofingen aufgewachsen. Was verbindet dich heute noch mit der Stadt?
Ich besuche Zofingen regelmässig, beispielsweise am Weihnachtsmarkt oder am Kinderfest. Dort treffe ich viele Leute aus meiner Jugend, die inzwischen ebenfalls weggezogen sind. Das ist immer ein Grund zur Freude. Auch ein Besuch im Kunsthaus lohnt sich immer, oder Events in Lokalitäten wie dem Hangar.
Was inspiriert dich?
Vieles aus dem Alltag begleitet mich in meinen Arbeiten, das Präsentsein, das Mithören. Erlebte Momente vermengen sich mit der gesellschaftspolitischen Aufarbeitung. Zudem ist es sehr relevant, den Raum mitzudenken und die Arbeiten darin einzubetten.
Bei Künstler:innen finde ich beispielsweise Kiki Smith oder Mona Hatoum sehr inspirierend.
Besten Dank für deine Zeit und das Gespräch.
Ilya & Emilia Kabakov: The Tennis Game
16. Oktober 2025 – 28. Juni 2026
Kunsthaus Zug
Aeschlimann/Corti Stipendium
28. Mai – 28. Juni 2026
Kunsthaus Langenthal
Maria Lassnig und Edvard Munch
2. Oktober .2026 – 21. Februar 2027
Kunsthaus Zürich
Mona Hatoum
3. Oktober 2026 – 31. Januar 2027
Kunstmuseum Winterthur
Über Evelyn Vonesch:
1989 geboren, lebt und arbeitet die Künstlerin in Bern. Sie hat einen Bachelor of Arts in Bildender Kunst von der École cantonale d’art de Lausanne (ECAL) und einen Master of Arts in Zeitgenössischer Kunstpraxis mit Spezialisierung in Bildender Kunst von der Hochschule der Künste Bern (HKB).
Im kunstkasten Winterthur zeigt sie 2026 «Komplimente (Ein Archiv)».