von Michael Bohli • 28.03.2026
Paquita Maria geht mit ihrem Album «YTZ» auf Tour. Wir haben sie in Biel getroffen und über die kommenden Konzerte und ihr kreatives Wirken gesprochen.
Ist die lineare Zeit eine Illusion? Fast fühlte es sich so an, als wir an einem sonnigen Nachmittag in Biel auf Paquita Maria treffen. Ein erfreutes Wiedersehen nach knapp 15 Jahren, eine herzliche Begegnung mit einer Künstlerin, die offen, neugierig und voller kreativer Energie durchs Leben geht. Die Verbindung war sofort wieder da, als ob nur Sekunden vergangen wären.
Nach einem längeren Aufenthalt in Berlin veröffentlichte Paquita Maria in der Schweiz mit «Recherche» und «YTZ» zwei Alben, die ihre ureigene Stilmischung auf zahlreiche Bühnen brachten. Bevor sie sich erneut auf Tour begibt, haben wir mit ihr über das Leben im Moment und die Magie hinter der Musik gesprochen.
Paquita Maria – Tour 2026
13.04.26 Sogar Theater | Zürich
15.04.26 Literaturhaus Zentralschweiz lit.z | Stans
14.–17.05.26 48. Solothurner Literaturtage | Solothurn
24.05.26 Au Joli Mois de Mai | Bienne (Performance)
26.05.26 Loge Luzern Jubiläum – Neubad | Luzern
30.05.26 Verein am See | Bern
04.07.26 Concert à l’aube Thelonica | Lausanne
30.07.26 Lakelive Festival | Biel
31.07.26 Tannhüsern Festival | Hellbühl
22.10.26 Woerdz Festival | Luzern
Phosphor: Wie geht es dir?
Paquita Maria: Mir geht es gut. Ich bin dankbar für das, was ist.
Auf dem Album «YTZ» kombinierst du Chanson, Pop, Folk und mehr. Wie bist du zu dieser Musik gekommen?
Ich würde eher sagen, diese Musik ist zu mir gekommen – durch das Leben, durch Menschen, Orte, Gerüche, Begegnung… Erfahrungen jeglicher Art. Alles hat einen Klang. Und alles sauge ich auf, wie ein Schwamm, dann rumort, rattert, zischt, verdaut und verknüpft es in mir drinnen, daraus entsteht ein neues Gewebe, ein neuer Klang, der dann als Musik zurück in die Welt geht. Alles ist ja da, das Leben passiert durch mich hindurch, und daraus entstehen Lieder.
Deine Stilmischung findet neben dem Mainstream statt. Ermöglicht das eine grössere Freiheit?
Ich lasse mich nicht in die Enge zwängen. Keine Doktrin bestimmt, wer ich sein soll und was ich zu tun habe. Aber auch von sich selbst muss man sich nicht alles gefallen lassen. Der Mensch hat immer eine Wahl. Das ist seine Freiheit. Ich vertraue dem Leben in mir und gehe dorthin, wo es mich hinzieht.
Du singst von Fort- und Rückwärtsbewegungen. Was bedeutet Zeit für dich?
Ich weiss nicht, was die Zeit ist. Ich weiss nur: Ich will präsent sein. Und Gegenwärtigkeit geht nur in der Gegenwart. Der Augenblick, wie er sich hier gerade, jetzt gerade entfaltet – darauf richte ich meinen Fokus. Darum heisst mein Album «YTZ».
Du lebst im Jetzt. Träumst du trotzdem viel?
Wie gesagt: Ich lasse das Leben auf mich zukommen und bin wach. Es geht um Präsenz. Aber die ist nur dann möglich, wenn der Geist gesammelt ist. Und das ist eine Fertigkeit, die man üben kann. Denn dieser Geist ist ja eine unerhörte Schnattergans, die einen ständig an der Nase herumführt und sich in Gedanken verheddert, die die Vergangenheit oder die Zukunft betreffen. Wer nicht scharf auf ihn aufpasst, wird von ihm herumgehetzt. Ich finde es spannend, die Beschaffenheit des eigenen Geistes kennenzulernen und dann damit zu arbeiten. Denn so ist das: Wer am Leben nicht vorbeirutschen will, der hat auch eine innere Arbeit zu tun. Also bin ich in der Lehre, Tag für Tag, Moment für Moment.
Bist du eine Person, die konstant kreativ ist?
Nein. Manchmal liege ich auch wie ein Salamander in der Sonne und mache gar nichts. Ausser staunen.
Du singst mehrsprachig in Mundart, Deutsch und Französisch. Ändert sich die Ausdrucksweise je nach Sprache?
Ja, auf jeden Fall. Jede Sprache hat ihren ureigenen Geschmack.
Beleuchten die Sprachen unterschiedliche Facetten deiner Persönlichkeit?
Die Persönlichkeit, das Ich, ist eine Illusion. Ich bin einfach Leben, das singt. Dieser Körper, dieser Geist – Paquita – ist das Werkzeug dafür. Und es ist eine Freude, als diese Paquita unterwegs zu sein. Aber ich bin mir bewusst, dass sie vergänglich ist. Genauso wie alles, was sie umgibt. Nichts ist selbstverständlich, nichts von Dauer. Was lebt, ist dem steten Wandel unterworfen. Ich bin dankbar für jeden Augenblick, der mir geschenkt ist – für den schönen und den schmerzhaften, der ja auch immer eine Gelegenheit ist, zu lernen und zu wachsen. Es ist Leben! Und wenn man den Mut hat, in die Tiefe zu gehen, dann ist das etwas schampar Abenteuerliches.
Du bist bald auf Tour. Worauf darf man sich freuen?
Auf Überraschung. Auch François Colléaux und ich wissen vor einem Konzert nicht, was entstehen wird. Es ist immer neu. Ausserdem stehe ich erstmals mit dem Musiker Henry Love auf der Bühne; auch eine grosse Überraschung.
Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen François Colléaux und dir?
In der Begegnung mit François lerne ich viel über das Leben, die Musik und mich selbst. Wir funktionieren sehr ähnlich und zeitgleich sehr anders. Manches gelingt, manches nicht – die Freude liegt im Ausprobieren. François ist gütig, salzig, frisch, wild und auch sehr fein. Er hat ein ehrliches Herz – und all dies höre ich in seiner Art, Musik zu machen. Mit ihm unterwegs zu sein inspiriert mich. Ausserdem veranlassen wir uns gegenseitig immer wieder dazu, über uns selbst zu lachen. Das ist wunderbar!
Du musizierst mit vielen unterschiedlichen Menschen; wie kommen die Kollaborationen zustande?
An erster Stelle steht die zwischenmenschliche Begegnung, die etwas in mir anrührt, mich neugierig stimmt. Ich gehe vom Menschen aus, dann bringen wir die Fähigkeiten und Instrumente zusammen und schauen, was sich daraus entwickelt.
Was bedeutet es für dich, in der heutigen Zeit Kunst zu machen?
Kunst ist für mich eine fundamentale Nahrung. Ob ich es bin, die sie gerade ausübt, oder aber teilhaben darf, wo jemand anderes dies tut, spielt überhaupt keine Rolle. Entscheidend ist, dass sie existentielle Fragen aufwirft und einen inneren Raum in Bewegung bringt. Wir verfügen alle über ein ungeheures inneres Wissen, das wir mit einer Menge äusserem Wissen zuschütten. Kunst kann sich da einen Weg bahnen, kann sich eine Schneise graben und in Kontakt gehen mit diesem Ort. Es hat mit der Berührbarkeit des Herzens zu tun. Und dort fängt ja alles an. Fred Frith beschreibt es gut im Film «Step Across the Border», er sagt: «Unsere künstlerischen Aktionen funktionieren doch nur, wenn sie etwas in jemandem auslösen und man beginnen muss, nach sich selbst zu fragen und nach seinem Verhältnis zu der Gesellschaft, in der man lebt.» Da bin ich absolut einverstanden.
Eine letzte Frage: Wieso ist das Café Brésil dein Lieblingsort in Biel?
Die Menschen hier sind herzlich, unkompliziert und absolut unelitär. Alle haben Platz – genau so, wie sie sind. Ausserdem hat der Ort etwas Zeitloses, Universelles. Er könnte irgendwo auf der Welt existieren. Wenn meine Musik ein bisschen wie das Brésil klingt, dann ist mir etwas Gutes gelungen! (lacht)
Über Paquita Maria:
Paquita Maria wurde in Bern geboren, ist im Jura aufgewachsen und lebt aktuell in Biel und Gaël in der Bretagne. Sie war Komponistin am Deutschen Theater Berlin, spielte in diversen Bands und tourte mehrfach durch die Schweiz und Frankreich. Aktuell ist sie mit ihrem zweiten Album «YTZ» unterwegs.