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Schwelbrand 09: Beziehungen

von Michael Bohli • 09.07.2025

Schwelbrand bringt dir neue Musik ins Haus. Die neunte Ausgabe bietet neue Verbindungen mit den Alben von Casanora, Amoa, Poligone, Nina Valotti, Visions In Clouds und Lilac Attitude.

Bei der Musik und allgemein der Kunst geht es um die geschaffene Beziehung zwischen Künstler:in und Konsument:in. Das kann oberflächlich bleiben, oder nachhaltige Veränderungen bewirken. Schöner ist es, wenn persönliche Verbindungen zu den Artists bestehen – davon haben wir gleich zwei versammelt. Den Anfang macht Casanora.

Casanora: The Year of the Jellyfish

Electronic • Infinite Machine

Dass wir uns im Jahr der Qualle befinden, habe ich nicht gewusst. Bei den Extremtemperaturen, die uns der Klimawandel beschert, verwandle ich mich jedoch in einen Wackelpudding. Beruhigung bringt uns die Berner Musikerin und Produzentin Casanora mit ihrer EP.

«The Year of the Jellyfish» ist elektronische Musik aus den Bereichen Ambient, Dub und Experimental – zusammengebaut aus zahlreichen Schichten, Melodien und Spuren. In einer Viertelstunde (was übrigens viel zu kurz ist) werden die Wunder unserer Welt offengelegt, der Alltag beginnt zu glitzern und jede Begegnung bietet Tanzmöglichkeiten.

Vom fliessenden «Floating Clouds» zum packenden Rhythmus von «Jetstream» fabriziert Casanora eigenwillige, unerwartete Momente und verwendet Indie-Merkmale («New Sun») wie Abstraktion und Andeutungen («Water Lily»). Surreale Klangreisen waren selten so schön.

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Amoa: I’ll Be Kind

Art Pop • Radicalis

AMOA beginnt ihre Veröffentlichung mit dem «Last Song», Schluss ist noch lange nicht. Die Musikerin aus Basel besingt auf «I’ll Be Kind» tragische Momente und schwierige Situationen, zugleich findet sie Worte und Klänge, die uns bestärken und unsere Erfahrungen zu Tod, Liebe und Zweifel verbinden.

Das satte Schlagzeugspiel, die Zugkraft und der emotionale Gesang bei «Affection» lassen keine Zweifel zu, wird sind gemeinsam unterwegs. Die verführerische Melodienzeichnung und der clevere Umgang mit berührenden Höhepunkten machen die Lieder von AMOA zum Erlebnis. Der Art Pop labt sich am Jazz, holt die Eleganz vergangener Jahrzehnte ins Spiel und hat keine Angst vor Tragik.

Wie wunderbar gross «Story Of No Love» wirkt, wie vielschichtig die Band bei «Not Tonight» spielt, wie steigerungsfreudig das Ende mit dem Titelstück daherkommt; «I’ll Be Kind» ist packende Musik, die dich verstanden fühlen lässt und dir die Angst vor dem Schmerz nimmt.

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Poligone: En cas de tempête

Indie Pop • Les Disques Du Crochet

Einen ähnlichen Umgang mit Emotionen und gemachten Erfahrungen bieten Poligone aus Lausanne. Hugo und Pauline sorgen bei «En cas de tempête» vor und bereiten dich auf mögliche Stürme vor. Wie du weisst, treffen diese unregelmässig und unerwartet ein – trotzdem solltest du dich nicht davor fürchten.

Mit ihrem Indie Pop schafft das Duo Ruhepole aus analogen und elektronischen Sounds, mit einem Hauch Chanson und viel Verständnis. «Les larmes» wirkt süss schwankend und nutzt die erzählerische Kraft für neue Bestärkung, der Synthie sorgt für die Wärme bei «Que de ça». Oft klingen Poligone nach Achtzigerjahren, tragen die Vibes aber nie zu dick auf.

Alles auf «En cas de tempête» ist freundlich und cute, in den sechs Tracks wird ein Safe Space geschaffen, der auch bleibt, wenn die eigenen Sorgen übermächtig wirken. Die Kompositionen wurden schlank gehalten, Paulines Gesang erhält viel Raum und die Klänge wirken sanft und angenehm.

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Nina Valotti: Fang Nomal A

Pop • Sheepsheep Records

«Fang nomal a» beginnt mit einer ehrliche Sprachnachricht, in dem Nina Valotti von der überfordernden Menge an Gedanken spricht – was geschickt zum Titelsong überleitet und uns zeigt, dass diese Platte als Neuanfang bei der Musikerin aus Zürich für Befreiung gesorgt hat. Schön, dürfen wir daran teilnehmen.

Das wichtigste Mittel sind die Texte in Mundart, welche mühelos eine Verbindung zu uns herstellen und die Überlegungen von Nina Valotti unkompliziert darlegen. «Rauch im Wind» versinnbildlicht das Zögern und Schwanken, «Warte (Tag)» gewinnt mit dem wunderbaren Refrain und reisst die Wolkendecke auf. Eine elektronisch hallende Version steht am Ende des Albums, um die Platte in die Nacht zu begleiten.

Bis dahin sind die gitarrenbestimmten Pop-Songs unsere besten Freundinnen und nähern sich mal To Athena («Voce») an, dann sorgen sie im Doppel für die Aufarbeitung widersprüchlicher Gefühle («Heb mi» und «Heb mi nöd»). Nina Valotti hat den Neuanfang gewagt und mit «Fang nomal a» uns alle bereichert.

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Visions in Clouds: Leave Me

Synth Pop • Little Jig Records

Ab nach Luzern zu unseren Freund:innen von Visions in Clouds: Nach der Wandlung zur Synthie-Pop-Band mit «Are You Still Watching?» setzt das Album «Leave Me» den begonnenen Weg fort und zeigt die Band als gefestigtes Quartett mit Pascal Zeder, Simon Schurtenberger, Florian Estermann und Leandra Reiser. Das bedeutet neue Facetten im etablierten Sound.

Ganz klar ist, dass diese Entwicklungen nicht «Backfired» haben und die zelebrierte Melancholie mit sommerlichen Sounds und Farbtupfern erweitern. So heisst eine Single «Aperol» und glasklare Melodien breiten sich in der sauberen Produktion aus. Dass alles tanzbar bleibt und das Schlagzeug ohne zu zögern nach vorne geht, ist eh klar.

Da passt es, dass Visions in Clouds von Neuanfang und Neuorientierung singen. Das macht die Musik auf «Leave Me» nahbar und die neun Lieder werden zur Begleitung für Tages- und Abendstunden. Der Wave drückt bei «What Is Wrong (With The World)» durch, Larasüß schaut bei «Life In Rewind» vorbei und bei «Healing» werden wir mit The Cure auf Happy Pills in die Welt gelassen.

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Lilac Attitude: Love & Rage

Floral Grunge • A Tree in a Field Records

Fünf Lieder bieten Lilac Attitude auf ihrer Debüt-EP «Love & Rage»; die titelgebende Verbindung der starken Emotionen lässt sich in jedem Takt heraushören. Dass mich die Basler Gruppe stellenweise an Miss Kryptonite aus Zofingen erinnert, passt, da sich beide Bands auf den Grunge berufen und mit weiblichem Gesang hell leuchten.

Die Viertelstunde Musik ist intensiv strahlend, es werden Gitarrenriffs mit mehrstimmigen Gesangmelodien kombiniert und der wilde Alternative Rock mit Ornamenten garniert. Die von der Band selbstgewählte Bezeichnung Floral Grunge trifft zu.

Singles wie «Lucid Changes» oder «Daisy Boy» haben Ohrwurmqualitäten, «2AM Talks With a Reaper» lässt an alte Rocklegenden denken und über der gesamten EP schweben die Geister der Punk-Geschichte. Die vier Musiker:innen von Lilac Attitude servieren die Songs rau, voller Spielfreude und mit analoger Güte, inklusive magischem Schluss mit «Childish Brains».

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Schwelbrand

Die Beitragsreihe bringt dir neue Musik aus der Schweiz näher, persönlich und mit emotionaler Reaktion besprochen. Alben, EPs und thematische Verbindungen; unregelmässig, immer heiss.

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