von Michael Bohli • 16.08.2025
Schwelbrand bringt dir neue Musik ins Haus. Zur zehnten Ausgabe viben wir gemeinsam mit Laura + Luzius Schuler, Fiona Daniel, Rio Wolta, Vista x64, Karl Kave & Julia Toggenburger und Verbrennung 3. Grades.
Wenn es zu heiss ist, verbrennen wir uns. Was dagegen helfen kann: Beruhigende Atmosphäre und Sounds, die dich in andere Sphären transportieren. Wir stellen dir sechs Veröffentlichungen vor, die das bewirken.
Akustik, Neoklassik • Ronin Rhythm Records
Bei «Mandà In Lunga» wird nichts in die Länge gezogen, das erste gemeinsame Album von Laura und Luzius Schuler findet in etwas mehr Laufzeit als einer halben Stunde die Klangschichten, die unsere Zeitwahrnehmung neu organisieren. Das beruhigt durch Ruhe und Klarheit.
In Poschiavo (Graubünden) nahmen die Kompositionen ihren Anfang; eventuell hörst du aus einzelnen Spuren und Takten die Felsmassive, die Bergsonne oder einen kleinen Wasserfall heraus. Bedrohlich wird es in den acht Stücken nicht, viel eher wirken Neugier und Ehrfurcht. Die Kirchenorgel und Violine umkreisen sich gegenseitig, ergänzend, beobachtend.
Laura Schulers Stimme webt sich hinein, aus den Improvisationen wurde Musik. «Lontano» ist das Blinzeln gegen den Himmel, «Thrill» das Schnaufen beim Aufstieg und «Liminale» das letzte Licht am Abend. «Mandà in Lunga» entzückt und ist die wundervolle Zusammenarbeit zweier Talente.
Pop, Akustik • Klangfelder Records
Hallo du, sagt Fional Daniel mit leicht wirkenden und hell klingenden Tönen. Die in der Romandie lebende Musikerin schält aus dem instrumentalen Beginn ihre Stimme, die Harfe baut Leitern und die zurückhaltende Perkussion verbindet die Kompositionen mit dem Boden. «transitions» lädt uns in zu intimen Begegnungen ein.
Nach längerer Zeit ohne kreative Entfaltung im Bereich der Musik kehrt Fiona Daniel mit diesem Album zu ihrer Leidenschaft zurück und verarbeitet zugleich schwere Schicksalsschläge im Privaten und der eigenen Gesundheit. Diese Schattenseiten des Lebens überwältigen das Werk nicht, die mit zahlreichen Personen ausgearbeiteten Songs lassen Hoffen und Träumen.
Feinfühlig wirken die 30 Minuten Musik, gemeinsam mit Fiona Daniel durchleben wir unterschiedlichen Gefühlswellen und befinden uns zwischen «silence and hoping». Das ist akustisch gehaltener Pop mit ehrlichen und introvertierten Passagen; Musik, in der du Kraft schöpfen kannst.
Indie • No Signal Music
Ich gebe es zu, ich bin nicht sehr technikaffin und fühlte mich vom gesprochenen Intro zu «Technophobia» ertappt. «10 Paces» verurteilt nicht, sondern lädt uns zur neuen Akzeptanz ein – die Stimmen klingen im Verbund mit der Gitarre wie ein vergessenes Lied von Steven Wilson. Der Zürcher Musiker Rio Wolta schreitet aber nicht durch den Prog Rock, sondern hypothetische Indie-Welten.
In sieben Songs zeichnet der Künstler ein Bild einer perfekt funktionierenden Welt, hinter deren schicken Fassade die Angst lauert. Eine Metapher, die sich sehr gut auf das Verhalten von vielen Menschen übertragen lässt und durch kompositorische Kniffe wie Wiederholungen und einer klaren Produktion hypnotisch wirkt.
Woltas Stimme ist gefestigt und fragil zugleich, die Synthesizer und Gitarren schaffen auf «Technophobia» Gerüste und mit jedem Lied werden die Beobachtungen umfangreicher. Das ist nie typische Indie-Musik, sondern Experiment mit grosser Kreativwirkung und der notwendigen Rauheit («Feel Right» oder «Redundance»).
Post-Punk, Experimental • Oh, Sister Records
Y2K-Ästhetik lässt sich nicht unterkriegen, ob in der Mode oder der Kunst, Künstler:innen greifen sehr gerne 20 Jahre in die Vergangenheit. Gewissermassen passiert das auch auf «2Ep4U», wie könnte es auch anders sein, wenn sich eine Band Vista x64 nennt.
Im Gegensatz zu den Klangspielereien, die Robert Fripp damals für das Betriebssystem komponierte, agiert die Band aus Lugano harscher mit den Instrumenten. Da reichen vier Lieder für den durchgeschüttelten Gehörgang – Frickeleien gibt es zahlreiche, schräg klingende Töne und viele Verzerrungen auch. Das ist Post-Punk mit viel Freude am Experiment.
Angespannte Stimmen, Schreie, stürmische Akkorde und Synthesizer, die sich zusammen mit dem Schlagzeug ins Getümmel werfen sind Zutaten von «2Ep4U». «Catnip» zeigt sich mit Stakkato und Steigerung, «Overwhelmed» sorgt für Staunen. Vista x64 geben sich zu keiner Sekunde gewöhnlich und in jedem Lied stecken zahlreiche positive Überraschungen. Ja, das Tessin kann auch düster und laut.
Synth Punk • Der gesunde Menschenversand
Eine Autorin aus Winterthur und ein Musiker aus dem Rheintal machen zusammen Synth Pop. Ist es nicht erstaunlich, welch Überraschungen hinter einem solch nüchternen Satz stecken? Sobald «Blauer Planet» läuft, tun sich neue Sphären und Welten auf, die Karl Kave & Julia Toggenburger zu einer Reise durch Raum und Zeit geformt haben.
Wenige Takte reichen aus, um die Vibes der Achtzigerjahre aufleben zu lassen – flächige Synthesizer, roh klingender Drumcomputer und Wave-Attitüde drücken durch. Vollendet wird das Klangbild durch die deutsch (sprech-)gesungenen Texte, was «Blauer Planet» zur NDW bringt und alle in der Disco aufhorchen lassen.
Eine gewisse Kühle zieht sich durch die Lieder, Karl Kave & Julia Toggenburger reiten auf den Wellen und blicken ungerührt auf die herrschenden Zustände. Das resultiert in einem sehr gelungenen Album, das niemals aufwühlt, aber trotz stoischer Schlagseite keinesfalls nihilistisch ist. Hinter dem Fiepen und den Claps stecken Tanz und Kraftwerk («Walzen Schritt»).
Deutschpunk • Self-Released
Die Sprache bleibt Deutsch, die Temperatur steigt drastisch: «Die unsichtbare Hand des Marktes würgt mich (ohne Konsens)» ist ein wütendes Statement voller kratzender Bassspuren und einem Ziel: Immer nach vorne, in das Herz des Kapitalismus. Bis dieser blutet, bricht, aufplatzt und wir mit Verbrennung 3. Grades jubeln können.
Das ist keine Männermusik, sondern die erste EP von Salomé Käsemodel aus Frauenfeld, die sich mit Punk, Wave und Female Rage ihren Platz in der Kulturszene erspielt. Eine kritische Betrachtung der Gegenwart, der Destruktivität des Patriarchats und fünf beste Gelegenheiten, um im dunklen Kellerraum die Körper zappeln zu lassen.
Mit der angespannten Stimmung schafft Verbrennung 3. Grades eine wunderbare Grundlage für ihre Musik und kommende Revolutionen. Ob bröckelndes Gold, neue Leerstellen oder entlarvte Lügen, mit dieser EP lassen sich neue Lebensformen zimmern; ohne Helvetia und arrogante Normativität.
Schwelbrand
Die Beitragsreihe bringt dir neue Musik aus der Schweiz näher, persönlich und mit emotionaler Reaktion besprochen. Alben, EPs und thematische Verbindungen; unregelmässig, immer heiss.
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