von Michael Bohli • 10.11.2025
Schwelbrand bringt dir neue Musik ins Haus. Die 13. Ausgabe ist eine Wanderung von hellem Pop zu dunklen Soundwelten mit Eileen Alister, Mel D, Camilla Sparksss, Kety Fusco, Rémy Sax und einem Soundtrack.
Bei emotionalen Pophits starten und nach einer Party im maroden Schloss in düsteren Soundwelten landen? Ja, bei dieser Ausgabe von Schwelbrand passiert das in einem Ritt durch sechs neue Alben von Schweizer Künstler:innen.
Pop • H2 Music Records
Wenn Eileen Alister etwas verinnerlicht hat, dann ist es die Ästhetik der modernen Popmusik. Die Sängerin aus Zürich meistert auf ihrem Debütalbum «Honeymoon In A Motel» unterschiedliche Songwriting-Vibes und Strömungen. Jugendliche Energie wie bei Milune, erzählerische Dramatik wie bei Taylor Swift und schwere Gefühle wie bei Lana del Rey: She got it all.
Was vor zehn Jahren mit selbsteingespielten Coverversionen bekannter Hits begann, hat sich zu einer selbstbewussten Karriere mit eigenen Liedern und zahlreichen Auftritten gewandelt. Was Eileen Alister auf «Honeymoon In A Motel» abliefert, sind süchtig machende Hits und Songs, die die eigenen Sorgen verstehen.
«Bit the Bullet» ist der dramatische Einstieg, «Pretty Girl Thriller» gibt sich unwiderstehlich und «Pity Party Princess» findet direkte und wahre Worte – wie auch «Drama Baby». Alister lässt sich nicht unterdrücken und geht ihren Weg. Mit energetischer Popmusik, viel Kraft und einer beeindruckenden Vision.
Pop • Two Gentlemen
Benötigt ein Album zusätzliche Songs, wenn es «Bring the Witches Back» enthält? Das Lied, welches Mel D Juli 2024 als Single veröffentlicht hat, ist eine fantastische Komposition über feministische Kräfte und eine Welt mit mehr Fürsorge. Dass das Lied zusammen mit den weiteren Tracks der EP «Not Crazy» auf dem Debütalbum «Young Bones» gelandet ist, freut.
Neun Stücke – inklusive «We Win», der Kollaboration mit Dino Brandão – zeigen die Bandbreite von Mel Ds Schaffen in der Popmusik und kombinieren zerbrechliche Momente mit kraftspendenden Sounds. Die Dramatik von «Changing» berührt, die fragile Gestalt von «Slowly Growing» erstarkt durch die klare Produktion und den schönen Gesang.
«Young Bones» ist eine bereichernde Erfahrung und Musik, die unsere Welt besser gestaltet. Weit entfernt von Hass und Gier, Mel D nutzt den ehrlichen und gefühlvollen Pop für die Stärkung des Herzens. Das geschieht mit Liedern wie «Kid», «Where Do You Look When It Hurts?» und «Soft» vorzüglich; «Not Crazy» elektrisiert dich.
Dark Wave, Pop • On The Camper Records
Dass es bei Camilla Sparksss selten gewöhnlich zu und her geht ist klar – die Musikerin aus dem Tessin hat sich diesbezüglich für ihr viertes Album nicht normieren lassen. Gleich der erste Klang ist ein schräges Lallen einer gezupften Saite, dazu gesellen sich raue Beats und polternde Synthies. Bei «ICU RUN» wird geschichtet und geschüttelt.
Zu beschreiben, was genau auf der Platte geschieht, ist nicht einfach. Camilla Sparksss schmeisst viele Stilrichtungen und Stimmungen in die Tracks, schlägt mit Harmonien und Töne Haken und verarbeitet persönliche Erfahrungen. «ICU RUN» bezieht sich auf die Zeit, in der ihr Vater im Spital war und lässt intensive Gefühle zu. Laute Passagen, Chaos («Stranger»), raue Sounds und dann am Ende «Fatherless».
Ist es Akzeptanz, Erlösung oder Flucht? Camilla Sparksss beantwortet die Frage nicht und lässt uns nach einer knappen halben Stunde Musik wieder im Ungewissen. Das ist aufwühlend und verleiht der Popnähe von «Damage» und «Amami Tu» eine bittere Süsse.
Neoklassik, Electronic • A Tree In A Field Records
Die Harfe ist für moderne Popsongs und elektronische Tracks genauso geeignet, wie ein Synthesizer. Du glaubst mir nicht? Dann hast du noch nie Lieder von Kety Fusco gehört. Die Musikerin und Komponistin aus dem Tessin hat dem eleganten Saiteninstrument frisches Leben eingehaucht und weltweit für Furore gesorgt. «BOHÈME» ist ihr zweites Album.
Bei Kety Fusco geht es nicht nur um die Musik, sondern um das Vermächtnis des Instruments und die neuen Pfade, die sie damit beschreitet. Das wird mit dem Gastauftritt von Iggy Pop und seinen geknurrten Lyrics unterstrichen, «SHE» ist eine wahre Überraschung. «Für Therese» verwandelt sie eine bekannte Komposition, «Resistance» ist pochende Energie.
Bei «BOHÈME» bleibst du nicht verkrampft im Ohrensessel sitzen, während du an einer Teeparty teilnimmst. Kety Fusco ermutigt Bewegung, Staunen und Freude – mit elektronisch ergänzten Klängen, mit tollen Bässen und viel Innovation. Zusammen mit Nicolas Rabaeus hat die Künstlerin ein schillerndes Werk geschaffen.
Dungeon Synth, Post-Punk • Label Rapace
Eine Party auf dem Schloss? Ja klar, da machen wir mit. Die Mauern sind zwar bröckelig, die Luft feucht und die Zimmer düster, tanzen können wir dafür überall. Wenn Rémy Sax im ersten Lied «The Party» zu singen beginnt, nimmt er die Sonne gleich in die Räume mit. Die EP «SCHLOSS» hievt den Dungeon Synth auf eine höhere Ebene.
Das heisst: Weniger Gruften und Goblins, mehr Freiraum und Melodien. Der Musiker aus Winterthur und Frauenfeld hantiert weiterhin mit kratzenden Sounds und schrägen Synthies, jetzt aber passiert die Musik oberhalb der Erdoberfläche. Aus dem Soundtrack zu einem Videogame-Prototypen entwachsen, sind die Tracks Post-Punk und Dark Jazz in unerwarteten Momenten.
Die Trompete mischt mit («Curse Of The Sleepless»), «Cold Feet» rumpelt stoisch und streng, «Play It Safe Now» lässt sich im Kreis der Schweizer Indie-Vibes nieder. Alle Aspekte kommen in den Kompositionen erstaunlich gut zusammen und vergessen nie die DIY-Ästhetik.
Soundtrack • Pithead Studio
Es beginnt mit einem anschwellenden Dröhnen, mit Sounds, die unter die Haut gehen. Der Soundtrack zum Kurzfilm «Come And Find Me» von Carmine Carpenito löst ein, was das Genre Mystery verlangt. Instrumente und Gesang sorgen für eine beklemmende Stimmung, aus der sich mit Streichinstrumenten Menschlichkeit und Hoffnung schälen.
Komponiert und eingespielt von Raphael Sommer, Björn Pankratz und Vali Herrera, sind die acht Tracks nicht bloss stimmungserzeugende Berieselung, sondern geschickt konstruierte Momente voller Emotion und Wirkung. Das erinnert in gewissen Stellen an die epische Wucht des Scores von «Dune» und lässt einzelne Sonnenstrahlen hinein («Twisted Revelation»).
Während der kurze Mystery-Thriller mit Fflyn Edwards in der Hauptrolle aktuell erst an Festivals zu erleben ist, liefert der Original Soundtrack bereits heute imaginierte Bilder und Szenen in unseren Köpfen ab. Das resultiert in einer gelungenen Erfahrung inklusive kurzem Interview mit dem Schauspieler.
Schwelbrand
Die Beitragsreihe bringt dir neue Musik aus der Schweiz näher, persönlich und mit emotionaler Reaktion besprochen. Alben, EPs und thematische Verbindungen; unregelmässig, immer heiss.
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