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Schwelbrand 15: Herunterfahren

von Michael Bohli • 15.12.2025

Schwelbrand bringt dir neue Musik ins Haus. Dieses Mal entspannen wir uns mit den Veröffentlichungen von Silance, Stefanie Stauffacher, Casanora, Monoh, Martina Berther / Philipp Schlotter und Mantra Music.

Zum Jahresende kuscheln wir uns ein und entspannen uns. Diese Reise zu ruhigeren Momenten wird musikalisch von sechs Veröffentlichungen perfekt unterstützt. Viel Freude beim Herunterfahren.

Silance: Patti Person

Pop • Farouche Production

«Nouveau genre» war laut, queer und direkt – mit der EP «Patti Person» zeigt sich Silance von neuer Seite. Die Ästhetik hat sich gewandelt, Neonfarben und tiefe Schatten begleiten die EP, hinter dem Titel steckt eine fiktive Figur, die für die Facetten der Künstlerin aus Lausanne steht.

Beim Sound ist die Elektronik weiterhin vorhanden, jetzt aber bewegen sich die sechs Lieder in Richtung Rap und nutzen dazu die Rockmusik für Ausdruck und Bewegung. Silance steht sicher vor uns, singt, spricht und erläutert. Das hat Wucht, das beeindruckt, bereits bei «Tada» brummt es.

Wie auf einer nächtlichen Autofahrt durch unsere Sorgen und Verlangen fühlt sich «Amore Dai» an, die Saiten knarren, die Stimme lockt. Für Auflockerung sorgt das hüpfende «Corps Malade» und «Tout quitter» bringt Wave-Dance-Vibes am Schluss. «Patti Person» ist eine grosse Veränderung und für Silance ein grosser Gewinn.

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Stefanie Stauffacher: Mania Mania

Indie, Synth Pop • A Tree In A Field Records

Hast du Lust auf einen genüsslichen Spaziergang durch den Friedhof? Super, Stefanie Stauffacher liefern die Musik dazu. Das Ablum «Mania Mania» ist eine sonderbare, einzigartige und sehr reizvolle Mischung aus Synth Pop, Indie, Wave und Spoken Word.

Sätze hallen im Raum, Beats pochen und Melodien schwirren umher. Das Duo bestehend aus Lara Stoll und Lukas Marty hat den eigenen Sound perfektioniert und von «Mania Mania» bis zu «Bela Lugosi Ist tot» neun famose Lieder geschaffen. Das freut das Goth-Herz, das lässt die Fledermäuse flattern und startet die Disco im Kellerlokal neu.

Clever Wortspielereien, Stiche gegen Ungerechtigkeiten und popkulturelle Zitate (inklusive des träumerischen Covers von «Über Den Wolken») ergeben eine Platte, die nur geliebt werden kann. Und Hits können Stefanie Stauffacher ebenfalls, was sie mit «Steel Mimosa» und «Friedhof Sihlfeld» doppelt beweisen.

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Casanora x beeziflybynt: Night Flight

Electronica, Ambient • Raving in Johannesburg

Was für ein Jahr für die Musikerin und Produzentin Casanora aus Bern. Im Mai erschien ihr Werk «The Year of the Jellyfish» voller wunderbarer Ambient- und Electronica-Klängen, im Oktober erhielt die Scheibe zwei Remixes und mit «Sensitive Gangsta» war die Künstlerin auf der ersten Compilation der Zentralwäscherei Zürich vertreten.

Da ist es nur richtig, wird das Jahr mit «Night Flight» abgeschlossen. Die drei Tracks sind eine Zusammenarbeit zwischen Casanora und beeziflybynt aus Südafrika, eine Melange aus elektronischen Texturen, entspannenden Sounds und Soul. Elf Minuten Musik, die dich Atmen lässt und deine schweren Glieder auf Wolken bettet.

«Smooth April» fliesst so geschmeidig wie der Trackname es vormacht, «Time» treibt deine Gedanken an und versteckt die Beats geschickt im watteweichen Klangraum. Das ist zusammen mit dem Downtempo-Beginn «Right There» eine formvollendete EP und eine gelungene Kollaboration von Casanora und beeziflybynt.

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MONOH: Stellar Sitar, Echoes

Ambient, Sitar • Self-Released

Beim Anhören von «Stellar Sitar, Echoes» habe ich mich gefreut, wie normal es ist, Sitar-Klänge in meinem Leben zu hören. Seit vielen Jahren begleitet mich das Instrument dank dem unermüdlichen Schaffen von Roger Odermatt. In der Region Zofingen aufgewachsen, ist der in Zürich lebende Musiker als MONOH die Adresse für Sitar-Ambient-Zauber.

Gelehrt von Shalil Shankar und Ravi Shankar, veredelte Odermatt Lieder und Aufnahmen diverser Acts, bevor er sich als MONOH seiner eigenen Vision widmete. Die acht Kompositionen auf «Stellar Sitar, Echoes» wirken wie ein Tagebuch der klingenden Reise. Was als «Odyssey Of Uncertainty» beginnt, wird zur gefestigten Position für den Musiker und Komponist.

Elektronische Tonspuren und sanfte Bässe erweitern die Sitarklänge geschickt, Wiederholungen und Tonfolgen sind meditativ, tröstend und beruhigend. Bei MONOH ist jeder einzelne Sound wichtig, wird überlegt platziert und darf nachklingen. Das mag zuerst ungewohnt sein, wird mit jeder Minute betörender.

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Martina Berther / Philipp Schlotter: Silence Will Never Die

Ambient • Hallow Ground

Reduktion, Langsamkeit, Minimalismus: «Silence Will Never Die» ist ein Album, das die Stille sanft mit einzelnen Vibrationen und Klängen ergänzt und die Schönheit im Drone ans Licht bringt. Martina Berther und Philipp Schlotter sprengen die Grenzen von Begriffen wie Komposition und Musik.

Über viele Minuten hinweg ziehen sich einzelne Töne in die Länge, aus der Ruhe werden Texturen, Flächen und Formen. Orgel, Synthesizer, Bass und Zither wurden als Instrumente für diese klingende Sprache verwendet, «Silence Will Never Die» lässt uns über die Ursprünge rätseln und bietet subtile Verschiebungen und weiche Umgebungen für träumerische Gedankenreisen.

Beeindruckend sind die unscheinbaren Veränderungen in Ton und Stimmung beim Longtrack «Gut Feeling», andächtig wirkt «Eternal Youth» und bei «Suntrap & Light Wind» stehen wir gemeinsam mit Martina Berther und Philipp Schlotter in der Leere. Das Beste dabei ist, dass dieser experimentelle Ambient immer fassbar und ein Genuss bleibt.

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Mantra Music: Recordings of Instrumental Music

Ambient Folk • River Sound Studio / Ikarus Records

Zum Abschluss eine Platte, die beim Titel gleich klärt, was dich erwartet: «Recordings of Instrumental Music». Erdacht und eingespielt von Reto Vogler (von den Floorbrothers und ehemals bei Disco Doom) gibt es in etwas weniger als einer halben Stunde 13 Tracks und ermutigende Klänge für dich.

Als Mantra Musik präsentiert der Künstler aus Baden instrumentale Skizzen und Ideen, die leicht, positiv und beruhigend wirken. Die Gitarre sucht erzählende Melodien, nach 60 bis 90 Sekunden sind die meisten Stücke bereits wieder zu Ende. Das sind kleine Ermutigungen nach einem erschöpfenden Tag.

In simpler Weise mit einem Smartphone aufgenommen und produziert, ist «Recordings of Instrumental Music» zu gleichen Teilen Ambient und Chill Folk – eine Platte, die Umgebungsgeräusche beinhaltet und dich kurz umarmt. Für viele mögliche Situationen, für Verständnis und Verbindung.

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Schwelbrand

Die Beitragsreihe bringt dir neue Musik aus der Schweiz näher, persönlich und mit emotionaler Reaktion besprochen. Alben, EPs und thematische Verbindungen; unregelmässig, immer heiss.

Alle bisherigen Kolumnen hier.

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