von Michael Bohli • 29.01.2026
Schwelbrand bringt dir neue Musik ins Haus. Gleiten wir ins Jahr mit den Veröffentlichungen von Anuk Schmelcher, Tilia, Cori Nora, Luz González, Nadine Carina und KimBo.
Neues Jahr, neues Glück? Was auch immer kommt, mit den richtigen Songs im Ohr überstehen wir alle Situationen. In dieser Ausgabe gibt es sechs Veröffentlichungen, die dich auf unterschiedliche Art unterstützen.
Pop, DIY • Self-Released
Ist es nicht schön und beruhigend, wie sich die analoge Wärme des Coverfotos auf dich überträgt? Die Musik von Anuk Schmelcher funktioniert als Bindeglied und in neun Liedern verzaubert die Musikerin mühelos unsere Umgebung. Das ist DIY-Pop mit ehrlichem Herz.
Seit «CAN YOU HEAR THE RIVER EP» von 2022 ist Anuk Schmelcher eine Garantie für gute Musik; in wohlportionierten Formaten und überlegter Präsentation. Die Lieder fühlen sich zerbrechlich an und direkt aus der Seele geschrieben, Folk und Indie finden sich in den Instrumenten. «Da» ist ein solches Kleinod, bei «Conclusions» hat Rozi Plain mitgewirkt.
«Something Else» ist eine halbe Stunde handgemachte, schöne Musik, die in London und Paris fertiggestellt wurde, aber nie nach Grossstadt oder Chaos klingt. Harmonien und Melodien werden vom gelungenen Schlagzeugspiel begleitet, Wörter in Englisch und Mundart bieten Verständnis an. Das sind Songs zum Träumen und Nachdenken.
Dreampop • Royal Tea Music
Was Tilia mit «Drivers Seat» vollbracht hat, ist nichts weniger als einen grossen Hit zu schreiben. Ein sehnsüchtiges und melancholisches Stück, eine Komposition, die dich mit Gitarren, Gesang und Struktur berührt. Das ist perfekt geeignetes Material für nächtliche Spaziergange und Momente des Herzsausschüttens.
Der Dreampop der Musikerin aus Zürich spielt geschickt mit nostalgischen Stimmungen und produktionstechnischen Aspekten. «Palm Of Your Hands» fasziniert mit Effekten und Trip-Hop-Stimmung, bei «Eyes Wide Shut» werden die grossen Gesten und Klangwände aufgefahren. Darin lässt sich wunderbar versinken.
Die wirkliche Befreiung für Herz und Seele liefert Tilia auf ihrer EP «Daybound Drift» mit dem Lied «Up All Night»: Eine berührende Stimmung, ein famoser Refrain und eine gelungene Stilmischung machen aus Sorgen wie Schlafprobleme eine neue Hoffnung. Was für eine positive Überraschung.
Pop, Indie • Irascible Records
Lieder gemeinsam als Band in einem Raum aufzunehmen, verleiht den Klängen eine Intensität, die künstlich schwer zu reproduzieren ist. Cori Nora nutzte diese Wirkung für ihr Album «Pleasure and Focus» und hat die sieben Songs innert fünf Tagen in Porto aufgezeichnet. Eine verdichtete Erfahrung nach «Flowers and Fences», ein Prozess nicht ohne Freude.
Das Resultat ist sehr gelungen, «Kurt Vibe» verziert sich genüsslich mit Gitarre, Synthesizer und Gesang. Die Rhythmusfraktion klingt geerdet, ein Abheben in gefährliche Gebiete gibt es auch mit dem Refrain nicht. Dieser Indie-Pop scheut sich nicht vor den düsteren Seiten im Leben und bietet mit dieser Selbstsicherheit ein schützendes Umfeld.
«Flavour» geniesst den Wechsel zwischen Leerstellen und Harmonie – ähnlich wie The Weather Station vorgehen – der Titeltrack nutzt Spannungen beim Wandel von Dynamiken und instrumentalen Passagen. Das Herz blüht bei «Those Are The Days» und mit «Sail» und «Margate» liefert Cori Nora zudem zwei heimliche Hits. Welch Vergnügen!
Electronic • Everest Records
Ist das, was du hörst die Wahrheit? Was sind Sounds und Klänge überhaupt? Luz González stellt mit ihrem Album «Bi Gezur» unaufdringlich solche Fragen und nimmt dich auf eine Reise unerwarteter Veränderungen mit. Die elektronische Musik zerfällt, baut sich neu auf und nutzt Störungen in Rhythmen und Harmonien für frische Erkenntnisse.
Fünf Tracks in einer Viertelstunde sind dein Lehrbuch, entferntes Rumpeln und destruktives Brodeln im Ohr nutzt die in Bern lebende Luz González als Lektionen. Drone-Rauschen und harsche Verzerrungen bilden den «Tusnami», «Drawing Dinosaurs» labt sich an der Willkür und stöbert Melodien im Lärm auf.
«Bi Gezur» ist keine Platte für den Club, jegliche Momente der Euphorie werden untergraben, Eruptionen lassen den Flow auseinanderbrechen. Das lässt dich nachdenken und zeigt dir auf, welche Formen Sounds in unserer Wahrnehmung annehmen können.
Folk, Pop • A Tree In A Field Records
Helle Glockenklänge, Zirpen, Zwitschern – Ruhe und Entspannung. Wenn das Album «The Blue Hour» mit «Breathe» beginnt, verlangsamt sich der Herzschlag und der Blick gleitet in die Ferne. Dieser Zustand bleibt während den nachfolgenden Liedern bestehen und die Musik von Nadine Carina wird zur meditativen Erfahrung.
Getragen von Gitarre und Ukulele sind die zwölf Lieder kleine Geschichten über die Intimität des Lebens. Inspiriert von der beruhigenden Schönheit der Natur, verwandelt die Musikerin Nadine Ito auf «The Blue Hour» jegliche Situationen in entschleunigte Momente. Einzelne Tonspuren verweben sich, der Gesang ist sanft eingebettet und die Harmonien schunkeln uns.
Stellenweise dachte ich beim Hören an Elie Zoé, bei Nadina Carina ist der Folk-Pop aber zärtlicher und ätherischer («Your Mind is a Land»). Aus flüchtigen Momenten wird ein Song, Traum und Realität vermischen sich («Soft Rain»). Geloopte Sounds, unaufgeregte Experimente und die sehr gelungene Produktion machen «The Blue Hour» zur stimmungsvollen Erfahrung.
Rap, R&B • A Tree In A Field Records
Den eigenen Weg gehen, keine Kompromisse eingehen, die Zweifel überstehen: Wenn KimBo rappt, werden existentialistische Themen angerissen. Im Tessin aufgewachsen und in Zürich sozialisiert, der Blick der Künstlerin Kim Bollag war von früh auf facettenreich und das zeigt sich in den direkten Texten und den mitreissenden Tracks.
«Weg gah» lädt zu zwölf Gesprächen, mit deiner Weltsicht, mit den gesellschaftlichen Zuständen und der Frage, wie es weitergehen kann. Die Energie geht KimBo nie aus, ihre Musik ist eine Melange aus Rap, Reggaeton und Afrobeat; die Synthesizer sind glasklar, die Beats satt. Die Platte ist in richtigen Teilen düster bestimmt («Stahne Grad») und kritisch («Hustle Culture»).
Die Tracks liefern Unterstützung wie bei «Sistahood» und lassen dich mit den Sorgen nicht alleine. KimBo nutzt ihre Kunst für notwendige Auseinandersetzungen und der Lust an der Bewegung («Hose Sind Lugg»). Aus den Liedern wird eine Anleitung zur Veränderung der Welt, engagiert und mit vielen Vibes.
Schwelbrand
Die Beitragsreihe bringt dir neue Musik aus der Schweiz näher, persönlich und mit emotionaler Reaktion besprochen. Alben, EPs und thematische Verbindungen; unregelmässig, immer heiss.
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