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Schwelbrand 18: Nice To Hear You Again

von Michael Bohli • 10.03.2026

Schwelbrand bringt dir neue Musik ins Haus. In dieser Ausgabe gibt es ein Wiederhören mit Meret Siebenhaar, Black Sea Dahu, Andrina Bollinger, Pina Palau, Pet Owner und Gini Brown.

Es ist Frühling. Woran wir das festgestellt haben? Die neuen Alben talentierter Musikerinnen spriessen aus dem Boden und lassen unsere Tage hell leuchten. Wir besprechen heute sechs solcher Kunstwerke.

Meret Siebenhaar: Goodbye Lullabies

Ambient Pop • Self-Released

Da passt es gut, besingt Meret Siebenhaar im Lied «Jährt» zuerst die Sonne. Die Musikerin aus Luzern behandelt in diesem Song und dem gesamten Album den Suizid ihres Bruders, sucht nach Halt und einer Einordnung des Verlusts. Die Zerbrechlichkeit von «Goodbye Lullabies» wird zur neuen Kraft, zur Stütze.

Piano, Bratsche und Gitarre sind die Werkzeuge, mit denen Siebenhaar ihre Emotionen in Klänge überträgt. Die acht Kompositionen bewegen sich zwischen Ambient, Pop und Klassik – bleiben stets erhaben und berührend. Trotz des schweren Themas wirkt die Musik wie eine langersehnte Umarmung, nie fühlst du dich beim Anhören allein.

Wie bereits auf dem Debüt «Treibgut» sorgen elektronische Ergänzungen für eine fliessende Klangwirkung, durchdacht und gesamtheitlich. Mit ihrem zweiten Album hat Meret Siebenhaar ein persönliches Werk aufgenommen, das tief ins Innere blicken lässt und Sounds für Unaussprechliches findet.

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Black Sea Dahu: Everything

Indie, Folk • Mouthwatering Records

Alles und nicht weniger, das gibt es auf dem dritten Album von Black Sea Dahu. Doch «Everything» ist kein überbordendes Chaoswerk, sondern ein vielschichtiges, nachdenkliches Album gefüllt mit schönen Momenten. Hinter den Klängen steckt eine aufwändige Schöpfungsgeschichte inklusive Verluste und Sorgen.

Während diverser Jahre und Touren hat Janine Cathrein Ideen und Songskizzen gesammelt, die an unterschiedlichen Orten zu Liedern ausgearbeitet wurden. Schicht um Schicht kamen die Kompositionen zusammen, wurden von Musikern ergänzt und atmen, wie ihre Umgebung. Stücke wie «The Dragon» und «My Dreams» nehmen sich Zeit, «Superpower» schafft Stärke in beruhigenden Sounds.

Dass Selbstzweifel und Tod in der DNS von «Everything» stecken, könnte bei der instrumentalen Schönheit fast vergessen gehen. Black Sea Dahu bieten mit dem Album die Möglichkeit, Schmerz in Zuversicht zu verwandeln und an den Sorgen zu wachsen. Das geschieht mit der feinen Produktion, dem Klangfluss und den treffenden Texten.

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Andrina Bollinger: Island of Way Back

Avant-Pop • Mouthwatering Records

Mit den elf Liedern auf dem Album «Island of Way Back» wird eine entspannte und beruhigende Stimmung geschaffen, die den gesamten Körper erfasst. Der schillernde Pop von Andrina Bollinger ist ein Safe Space, eine Möglichkeit zum Durchatmen. Das war für die Musikerin aus Zürich sehr wichtig.

Entstanden in einer Zeit, in der Andrina Bollinger sich das eigene Dasein und die Ausgeglichenheit zwischen Körper und Geist zurückerkämpfen musste, sind die Songs Verarbeitung, Anleitung und Hoffnung. Sanfte Passagen, instrumentale Versuche («AI in My Head») und klare Ansagen machen aus «Island of Way Back» eine therapeutische Erfahrung.

Die Instrumente und Sounds sind geschichtet, die Produktion lässt Jazz- und Avantgarde-Vibes zu. Die Gitarre ist zentral, der Gesang ermöglicht eine menschliche Nähe. Langsam schälen sich aus diesen Versuchsfeldern Hits wie «Each Sun Casts a Shadow» oder «Mind Needs Body» und helfen dir zu einem ausgeglichenen Tag.

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Pina Palau: You Better Get Used To It

Indie • Mouthwatering Records

Wenn ein Album in Schlaf- und Wohnzimmer entsteht, dann werden intime Momente zum zentralen Inhalt und lassen Einblicke ins ehrliche Leben zu. «You Better Get Used To It» behandelt die Schwierigkeiten in Beziehungen mit einer Klangmischung aus folkigem Indie und direkter Gitarrenmusik.

Die dritte Platte von Pina Palau aus Zürich ist warm im Sound und steht direkt vor dir. Einflüsse aus dem Americana wandelt die Musikerin geschickt um, ihre anprangernden, fragenden und beschreibenden Texte passen perfekt in dieses Klangbett. Das Resultat ist unwiderstehlich («Outdoor Guy») und voller zärtlicher Schönheit («Euphoria»).

Wer genau hinhört wird mit Sätzen aus Palaus Leben verwandelt und erhält damit eine frische Perspektive auf eigene Erfahrungen und Situationen. «You Better Get Used To It» macht das Wesentliche sichtbar und Stücke wie «Letter to the Editor» klingen trotz Sorgen nach den Möglichkeiten der grossen Welt.

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Pet Owner: Second Nature

Indie Pop • Red Brick Records

Musik ist ein wundervolles Spielfeld, das keinen fixen Regeln unterworfen ist. Ja, Genres und Instrumente geben gewisse Bahnen vor, das Einhalten dieser ist aber keine Bedingung. «Second Nature» ist das Resultat von Handlungsweisen, die Konventionen kennen, sich aber viele Freiheiten erlauben. Pet Owner liefert Überraschungen zum Verlieben.

Die Musikerin aus Luzern hat in den neun Liedern auf der Platte so viele Sounds und Ideen untergebracht, dass bei jedem Durchgang andere Eindrücke entstehen. Was grob zusammengefasst als Indie Pop funktioniert, ist ein kreativer Ausdruck voller Effekte, ungewohnt eingesetzten Instrumenten und geschichteten Klängen.

Lea Mathis hat zahlreiche Instrumente selbst eingespielt und zusammen mit Produzenten Amadeus Fries Welten geschaffen, die schimmern, glitzern und leben. Das klare Pochen von «FOMU» vermengt sich mit den Skizzen in «After Summer», bei «Touch Air» wird die Eleganz mit Hyperpop überstrichen. Diese «Second Nature» ist nicht nur zweites Album, sondern eigene Dimension.

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Gini Brown: Sun Down

Alternative Rock • Self-Released

Die Sonne ist untergegangen, die Schmerzen werden intensiver: Gini Brown beginnt mit ihrer EP «Sun Down» eine neue Phase in ihrem Leben und gibt der Musik den notwendigen Raum. Darin stecken Dämonen und Schicksalsschläge, die von der Musikerin in kraftvollen Alternative Rock umgewandelt wurden.

Was mit kreativen Plänen und dem Verlust einer Freundin begann, ist zur EP mit sechs Songs angewachsen und liefert laute Gitarren und klare Worte. Toxische Beziehungen, Suchtverhalten und das innere Hadern besingt Gini Brown mit satter Stimme – Kunst als Therapie und Hoffnungsbringer.

In nur 21 Minuten liefert Gini Brown auf «Sun Down» ab und macht Lust, die Lieder gemeinsam live in einem Club zu erleben und eigene Sorgen und Unsicherheiten laut herauszuschreien. Das ist Katharsis und der Beweis, dass wir uns gegenseitig helfen können. Mit diesen Sounds und Liedern wie «Disaster» gelingt das auf beste Weise.

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Schwelbrand

Die Beitragsreihe bringt dir neue Musik aus der Schweiz näher, persönlich und mit emotionaler Reaktion besprochen. Alben, EPs und thematische Verbindungen; unregelmässig, immer heiss.

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