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Schwelbrand 19: Speak Your Heart

von Michael Bohli • 09.04.2026

Schwelbrand bringt dir neue Musik ins Haus. In dieser Ausgabe starten und enden wir in Lausanne mit Mary Middlefield, Mira Lora, ZART, Malummí, Melina Nora und Nathalie Froehlich.

Durch die Schweiz reisen, begleitet von neuen Melodien, Liedern und Alben. Unterwegs treffen wir auf Menschen, die mit ihrer Kunst Emotionen spürbar machen, Bedenken teilen und für neue Hoffnung sorgen.

Mary Middlefield: Will You Take Me As I Am?

Indie Rock • Self-Released

Die heimliche Queen des Schweizer Indie-Rock macht sich auf «Will You Take Me As I Am?» daran, unsere aller Herzen zu erobern. Ein Unterfangen, das aus meiner Sicht problemlos gelingen wird, sind die zwölf Lieder auf der Platte von Mary Middlefield aus Lausanne grossartig geschrieben und voller wichtiger Gedanken.

Das harmonische «Ladida» öffnet die Türen für unsere Begegnung mit Mary, in der wir Themen wie Selbstwahrnehmung, Selbstermächtigung und Sehnsüchte besprechen werden. Die Gitarre dient als wichtige Tongeberin, der Klangraum wurde mit zahlreichen Akzenten erweitert und Marys Gesang ist perfekt zur Stimmung passend.

Treibend und voller Rock-Energie geht es bei «Summer Affair» weiter, «Take me as I am» schraubt sich in die Höhe und «Wake Up!» sorgt für die rauen Vibes. Alles auf «Will You Take Me As I Am?» will laut, live und vielfach gehört werden. Die Musik von Mary Middlefield ist emotional, mitreissend und perfekt produziert. Mein aktuelles Highlight: «Will You Read My Mind».

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Mira Lora: The Shadow Needs Light

Pop • Little Sun Waves

Wie versöhnlich und lieb bist du zu dir selbst? Verzeihst du dir Fehler und machst dich selber stärker? Mit der EP «The Shadow Needs Light» stellt dir Mira Lora aus Basel fünf Lieder zur Verfügung, die eine Annäherung an die eigenen Missstände ermöglichen – mit intensiven Stimmungen.

«I’m Done» ist nicht das Aufgaben gleich zu Beginn, sondern die Bekräftigung, sich Herausforderungen zu stellen; der Winter ist überstanden. Rhythmik und eine dichte Atmosphäre sind die Sounds dazu, das Licht dringt in die Musik hinein. Der Pop-Anteil erhöht sich danach, die Eingängigkeit wird zentral.

Ohne sich von den melancholischen und nachdenklichen Aspekten ihrer Musik loszusagen, hat Mira Lora auf «The Shadow Needs Light» Lieder versammelt, die golden schimmern und tribalistische Vibes in sich tragen. «Roots» entwickelt sich zur Urgewalt, am Schluss umarmen wir uns selbst mit Komponisten Niklas Paschburg bei «Little Sun».

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ZART: Forced Recollection

Alternative • Oh, Sister Records

Shoegaze und Trip-Hop sind Genrebezeichnungen, die in der Schweizer Musikszene eher selten zu vernehmen sind. Umso schöner ist es, mit «Forced Recollection» ein Album erhalten zu haben, das beide Stile behandelt. ZART aus der Ostschweiz sind mehr als Schlagwörter und bieten während neun Liedern eine dunkelschöne Klangwelt.

Das Duo hat sich 2024 gegründet und liebt die langsameren Tempi, vereint mit weiblichem Gesang, mehrschichtigen Synthieflächen und einer Slowcore-Stimmung. Im Herzen von «Forced Recollection» pulsiert ein grosses Herz, Bass und Aufbau von «Evil Father’s Hand» lassen an Massive Attack denken. Über allen Tracks schwebt die Erinnerung an die Neunzigerjahre.

Komplett in Eigenregie aufgenommen, ist das Album ein sehnsüchtiger Traum mit Wavegitarren («Dissapate») und düsterer Eleganz («Turning Blue»). Zu zweit entführen uns ZART in eine Welt, in der die Schatten dicht und die Nächte lang sind.

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Malummí: Damaged By Their Silence

Alternative, Indie • Mouthwatering Records

Das Album mit «Therapist» zu beginnen, ist eine Ansage; eine sehr wichtige. Denn auch wenn unser inneres Kind nicht auf gute Ratschläge hören will, Sorgen und Probleme zu besprechen ist notwendig. Malummí haben ihre Platte «Damaged By Their Silence» dem Ringen zwischen Überforderung und Staunen gewidmet.

Die Band aus Basel behandelt die Themen mit schmissigen Indie-Sounds, Alternative Rock und einem gelungenen Vintage-Vibe. Als Trio sind die Instrumente klassisch besetzt, in den neun Liedern steckt keine altbackene Musik, sondern lässige, packende und nachdenkliche Kompositionen. Garniert mit songdienlichen Soli und Harmonien hat die Stille keine Chance.

«Adrian» ist der schillernde, balladeske Stern, «Loneliest Heart Of All» sorgt für Piano und rohe Emotionen, bei «Echo» finden die Verzerrungen ihre Heimat. In diesen Songs fühlen wir uns verstanden, mit diesen Takten schöpfen wir neue mentale Stärke.

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Melina Nora: Momänt

Indie Pop  • Mouthwatering Records

In vier Liedern kommt uns Melina Nora auf «Momänt» näher. Nach «Landtapu» setzt die Musikerin aus dem Wallis ihren Weg fort und hat Indie-Pop-Songs komponiert, die sich wie direkt aus dem Leben gegriffen anfühlen und in betörender Feinfühligkeit über Emotionen und Veränderungen erzählen.

In den vier Songs steckt sowohl ihre Heimat wie auch die schnellere Welt ihres aktuellen Wohnorts Zürich. Das ist atmosphärisch und spielt geschickt mit Sehnsucht und Nachdenklichkeit. «Sigarett» ist der musikgewordene, innere Dialog, die Suche nach dem eigenen Weg in der Gesellschaft – gesungen in Mundart.

Die entspannte Atmosphäre, die harmonischen Ausbrüche und die sichere Stimme sind die Zutaten für das Gelingen von «Momänt». Tempo und Gitarren sind bei «Fär d Imma» wilder, in «Moosmattu» kehrt Melina Nora zum nach innen gekehrtem Blick zurück. Musik direkt aus der Seele, direkt ins Herz.

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Nathalie Froehlich: Et la Fin sera Belle

Rap, Electro • Cry Baby

Bigbeat ist wieder da! Wenn das kein Grund zum Ausrasten ist, dann gibt es auf «Et la Fin sera Belle» zwölf vorzügliche Möglichkeiten, geballte Energie loszuwerden. Wer Nathalie Froehlich aus Lausanne kennt, weiss, wie wild ihre Tracks und Shows sind. Diese positive Anarchie lässt sich auf dem Album spüren.

Mit dem Motorrad braust Nathalie herbei, hat Gäste im Sozius und lässt die harten Beats auf den Asphalt knallen. Die Rapzeilen sind Messerstiche ins Fett des patriarchalen Systems, die Musikerin pusht uns mit jedem Takt weiter auf. Das ist klanglich eine Zeitreise in die Neunziger und lässt mit den Bässen die Wände zittern. Gut so, denn das Patriarchat muss fallen.

Reggaeton, Rap und elektronische Wucht kommen auf «Et la Fin sera Belle» effektreich zusammen und Nathalie Froehlich hat mit Tracks wie «Woke up Like This», «PussyGang» oder «I Don’t Wanna Die» Explosionen für deine nächste Party gezündet – ohne die menschlichen Inhalte zu vergessen.

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Schwelbrand

Die Beitragsreihe bringt dir neue Musik aus der Schweiz näher, persönlich und mit emotionaler Reaktion besprochen. Alben, EPs und thematische Verbindungen; unregelmässig, immer heiss.

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