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Schwelbrand 20: Wegsuchung

von Michael Bohli • 14.05.2026

Schwelbrand bringt dir neue Musik ins Haus. Gemeinsam mit ESKRY, Roxane, J.NUNN, Tirza Kaja, Stella & The Fridge und Fräulein Luise versuchen wir in der heutigen Zeit mental gesund zu bleiben.

Die politischen Zustände werden rauer, die zwischenmenschlichen Gefühle kühlen ab. Höchste Zeit, dass wir die Welt wieder wärmer und toleranter gestalten. Dabei helfen die folgenden sechs Veröffentlichungen.

ESKRY: Winter

Rap • Vieracht

Nicht nur die regnerischen Tage lassen die Welt kalt erscheinen, auch das politische Klima nähert sich dem Tiefpunkt. Dagegen hilft Musik, bestenfalls engagierte und persönliche Tracks von Artists aus deiner Region. Der Rapper ESKRY aus Zofingen liefert das, mit seiner neusten Scheibe «Winter» und direkter Wortwahl.

Widerstand ist das zentrale Thema der neun Songs, ESKRY rapt gemeinsam mit Friends über den linken Kampf in einer Schweiz, die im Sumpf aus Hass, rechter Politik und Angst versinkt. In dieser Umgebung mental zu gesund zu bleiben, ist schwierig. «Winter» ist mit melodischer Produktion und melancholischen Parts die notwendige Umarmung.

ESKRY findet zwar nicht den Ausweg und löst nicht deine Probleme, sorgt aber für Empathie und zeigt dir auf, dass du nicht alleine kämpfst. est8, Orbeat und luKsius greifen dem Musiker unter die Arme, zusammen mit Produzent Luc Suter landen die Beats und Vibes atmosphärisch bei dir.

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Roxane: Still Waters Run Deep

Pop • Decca Records

In die goldenen Zeiten, als alles glänzte und ein Konzertabend eine elegante Angelegenheit voller Glamour war, dahin nimmt uns Roxane mit ihrem Album «Still Waters Run Deep» mit. Die Musikerin aus Genf inszeniert sich mit Grandezza, schicken Gesten und viel Soul – ohne Probleme auszuklammern.

Vielmehr nutzt Roxane die zwölf Songs dazu, relevante Themen und Kämpfe in einer samtigen Klangumgebung zu behandeln. Old School Pop und einige Prisen Rock lassen «Still Waters Run Deep» in der Nacht schimmern, die Streicher lassen die Lieder über dem Boden schweben. Auch die reduzierten Passagen gefallen.

Roxanes Gesang ist nahe aufgenommen, erhält viel Platz und passt zu den unterschiedlichen Stimmungen, die auf dem Album erlebt werden können. Balladeske Melancholie («Fall In Love In June»), schmissige Direktheit («Your Love Is Toxic») und Hits für den Cocktailabend («Games Are Good») finden geschickt zusammen.

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J.NUNN: Are We In Between?

Alternative Pop • Blizzard Audio Club

Bereits mit ihrer Debüt-EP «Shadow Of Nunn» lieferte Justine Tornay aus Lausanne facettenreiche Musik ab, die mich begeisterte. Einige Zeit später liegt das erste Album «Are We In Between?» vor und liefert neue klingende Aspekte aus dem Kosmos von J.NUNN.

Erstaunlich an der Platte sind die experimentellen Vibes, die sich durch die Kompositionen ziehen. Anstatt sich auf den sicheren Wert der dunklen, elektronischen Soundscapes des Trip-Hops zu verlassen, gibt es Alternative Pop, analoge Vielseitigkeit und eingängige Hooks zu erleben.

J.NUNN singt in Englisch und Französisch und bewegt sich zwischen düster-dichten und klaren Tracks. Das überrascht («Your Body»), das will erforscht und entdeckt werden. Niemals fehlt auf «Are We In Between?» die Dramatik und mit Songs wie «Little Pieces» findet Läuterung statt.

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Tirza Kaja: Bloom

Pop, Soul • Sheep Sheep Records

Egal, ob du verliebt bist oder nicht, mit den vier Liedern von Tirza Kaja wird dir warm ums Herz. Die EP «Bloom» klingt wunderbar, wirkt beruhigend und thematisiert die grossen Gefühle. Die klangliche Mischung aus Pop und Soul ist schick und die Stimme als wesentliches Element eingebracht.

Gesanglich überzeugt die Musikerin aus Zürich von der ersten Sekunde an und bietet netterweise bereits mit dem eröffnenden Song «Closure». Wir begegnen uns trotz eventuellen Komplikationen und überfordernden Emotionen mit einem Gefühl von Aufgeräumtheit, die Instrumente unterstützen situativ.

Das Klangbild auf «Bloom» wirkt aufgeräumt, Gitarre, Klavier und Bläser unterstreichen die Melodien und die Gesangsharmonien. Tirza Kaja wird der Raum nie streitig gemacht. Dadurch klingt die EP entspannt und locker – wir erhalten die notwendige Kraft, um ein eventuelles Liebeschaos zu bewältigen.

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Stella & The Fridge: dene wos guet geit

Dystopian Pop • Self-Released

Du machst den Kühlschrank auf und was fällt dir entgegen? Eine verschimmelte Packung Patriarchat. Höchste Zeit, diesen abgelaufenen Mist zu entsorgen. Bei der notwendigen Arbeit bietet dir Stella & The Fridge klingende Unterstützung, die erste EP «dene wos guet geit» verbrennt Widersprüche und Unterdrückung.

Der selbstbezeichnete «dystopian Pop for wholesome hearts» kratzt den Lack unserer Gesellschaft ab und zeigt die darunterliegenden Fratzen misogyner Zuckungen. Treibend liegen wir zuerst im Wasser mit «schwümme», bevor das Highlight «bsst bsst miau» allen Catcallern die Augen auskratzt. Musikerin Rosanna Zünd ist hässig und wir alle zusammen mit ihr.

Es rumpelt in den Songs, die Instrumente liefern zurückhaltende Soundtexturen oder stampfende Takte, Stella & The Fridge singt in Mundart von erlebten Situationen und struktureller Gewalt. Elektronisch, analog, clever, laut – «dene wos guet geit» ist grossartig. Und «en Ort» einer der wichtigsten Songs in diesem Sommer.

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Fräulein Luise: Vielleicht nicht für immer

Indie Pop • superpolrecords

«Vielleicht nicht für immer» aber zumindest aktuell erhalten Fräulein Luise aus Zürich endlich die verdiente Aufmerksamkeit in der Schweiz – eine Dokumentation von SRF hat dazu beigetragen, die Musik war schon seit der ersten Single mitten im Jetzt. Das bleibt auch mit dem Debütalbum so.

Auffallend ist, wie klar und sauber die Produktion daherkommt. Trotz den aufreibenden Inhalten zeigen sich Fräulein Luise in einem wohlklingenden Indie-Pop-Gewand, das nahe der deutschen Szene ist. Zu dieser Wirkung trägt der Gesang bei, melancholisch, sehnsüchtig und aufgeräumt werden gesellschaftlich relevante Probleme angesprochen («Viel zu oft allein»).

Es brodelt unter der Oberfläche von Liedern wie «Autobahn», «Eisbär» oder «Schnee» – Fräulein Luise biegen aber nie in Richtung ungezähmten Sounds ab, sondern bleiben auf «Vielleicht nicht für immer» eine eingängig klingende Band. Die Musik wird zum Lockmittel, entlarvt falsche Behauptungen und liefert notwendige Energie für den Alltag.

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Schwelbrand

Die Beitragsreihe bringt dir neue Musik aus der Schweiz näher, persönlich und mit emotionaler Reaktion besprochen. Alben, EPs und thematische Verbindungen; unregelmässig, immer heiss.

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