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Tobias Preisig und «Closer»

von Michael Bohli • 30.04.2023

Mit dem Album «Closer» und den dazugehörigen Konzerten hat Musiker Tobias Preisig seine Kunst an der Geige noch weiter in die Welt der Electronica und Soundtracks geführt. 

Einer Person näherkommen, in die intimen Sphären eintauchen – das geschieht meist langsam und setzt beidseitiges Vertrauen voraus. Der Musiker und Komponist Tobias Preisig macht es seiner Hörerschaft gewissermassen einfach, indem er mit seinen neuen Alben eine reduzierte und emotionale Form zelebriert. «Closer» ist der zweite Teil einer geplanten Trilogie und wurde Anfang Februar bei Quiet Love Records veröffentlich; mit dem Titel deutet der Künstler bereits an, dass man sich mit den Sounds der Person annähert.

Nach dem Tauchgang «Diver» von 2019 ist die Scheibe eine Weiterentwicklung der Fähigkeiten und Festigung bereits erlernter Möglichkeiten, das Prisma fächert sich bei «Closer» auf. Tobias Preisig hat alle neun Songs elektronisch erweitert, die Violine steht weniger stark im Rampenlicht als auf bisherigen Platten. Das gelingt in der Ausführung vorzüglich, da Preisig mit dem Produzenten Jan Wagner eine sehr schön konstruierte Reise geschaffen hat. Bedächtig, gefühlvoll und moderner wirkend als viele Vertreter aus der Neoklassik.




Das Titelstück eröffnet mit fiependen Sounds und Erweiterungen aus dem digitalen Raum, zugleich ist es eine Reise in die eigenen Erinnerungen aus den Bereichen der Soundtracks und instrumentaler Musik. Science-Fiction und schwebende Geigen, irgendwie Vangelis, aber zugleich auch Max Richter. Besonders «Warmth» wird seinem Namen gerecht und schafft es, die Flächen und Melodien als Trost darzustellen. Seine bisherig gemachten Schritte vergisst Tobias Preisig nicht, Stücke wie «Leaf», «Linien» oder «Colorzzz» haben trotz den zusätzlichen Elementen die gewohnte Atmosphäre des Violinspiels.

Diese Entwicklung auf die Bühne zu übertragen war bestimmt nicht einfach, gleichwohl zeigte sich der Musiker beim Auftritt im BeJazz Bern am 3. Februar gefestigt in seiner Rolle. Allein mit Gerätschaften und Violine, als Leiter und Verführer. Die Spannung war sofort da, mit offenen oder geschlossenen Augen versank man in den Klängen und fühlte sich nach dem Tauchgang mit «Diver» an die Oberfläche zurückgespült.

Einzelne Lichter, viele Gedanken, später auch starke Steigerungen und laute Passagen gab es im Set. Zwei Tage später wurde dies in Zürich im Moods mit Alessandro Giannelli am Schlagzeug und James Varghese am Bass in den grossen Raum überführt. Doch bereits in Bern liess nicht nur das gerne live gehörte «Screaming Prophet» die Begegnung mit Tobias Preisig intensiv und eindrücklich werden. Man darf auf den abschliessenden Teil der Trilogie sehr gespannt sein.

Tobias Preisig: Closer

Genre: Neoklassik, Electronica
Erscheinungstermin: 02.02.2023
Label: Quiet Love Records

Website: tobiaspreisig.com

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