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Im Rehasport geht die Post ab

von Mina Rabenalt • 06.08.2025

Schnell genehmigt durch die Krankenkasse, bin ich jetzt seit 3 Wochen ums Eck im Rehasport. Auch da bietet sich eine Betrachtung der Menschheit an

Das wichtigste zuerst: Ich liebe Rehasport. Ich bin meist mit Abstand die jüngste und es ist ein tolles Gefühl, dass die Übungen schweißtreibend sind, aber ich körperlich zu allem in der Lage bin. Und die mit der besten Kondition bin. Außer wenn die Trainerin Ursula den Raum betritt. Mein neues Krafttier. Aber zu diesem Glanzlicht später.

So möchte ich mich nun den Figuren widmen, die jetzt Teil meines Lebens sind. Es gibt mal wieder viel zu beobachten.

Thomas

Als ich nach dem Beratungsgespräch einen festen Kurs zugeordnet bekommen habe, sollte ich vor dem ersten Training etwas früher kommen, um meine Türkarte zu bekommen. Ich stand neben einer Rentnerin, die Inge, die ein wenig nervös war, weil sie auch das erste Mal anwesend war. Gerade wollte ich noch etwas Mut zusprechendes sagen, doch Thomas betrat die Bühne und vereinnahmt Inge mit der Frage, ob sie denn freiwillig hier sei oder auch gezwungen wird.

Nach dem Umziehen stellte ich fest, dass er beim Warten vor dem Kursraum mindestens noch 6 andere Personen mit diesem schmissigen Start von einem Gespräch mit ihm überzeugen wollte. Dass sein Arzt ihn ja zwinge. Dass er sich noch nie um sowas gekümmert hat. Dass er sowas ja nicht brauche.

Mit seiner hageren Statur, seinen langen Gliedmaßen, seinen großen Augenhöhlen und den stets nach unten zeigenden Mundwinkeln wirkt Thomas auf mich wie ein Mann, der 50 Jahre Vollgas gegeben hat und nun dafür eine schwerwiegende Diagnose erhalten hat, die seine gesamte Existenz durcheinandergeschüttelt hat. Kein Geld, keine Statusobjekte können ihn jetzt retten. Und da sich ja sein Umfeld und sein Arzt gegen ihn verschworen haben, sucht er dringend nach Bestätigung in der Gruppe. Ihm hängt eine schwarze Wolke über dem Kopf. Alle spüren das. Thomas ist bei den meisten Übungen hinter mir und ich höre durchgängig sein Schnaufen und Fluchen. Der Trainer ist entspannt und versucht den Teilnehmenden auch neuropsychologische Inhalte kurz und bündig mit an die Hand zu geben. Alle versuchen die Übungen so zu bewältigen, wie es möglich ist.

Für Thomas ist eigentlich nichts davon möglich und der Trainer geht immer wieder zu ihm, bietet Unterstützung, hakt professionell nach. Thomas gibt Ein-Wort-Antworten. Am Ende liegt er für 20 Minuten auf der Matte, weil ihm schwindlig ist, er aber auch nicht vorzeitig gehen will. Der Trainer misst seinem Blutdruck und kümmert sich um ihn, während alle anderen in die Umkleiden huschen. Thomas wirkt wie auf dem Scheideweg zwischen Verbitterung und Verzweiflung. Ich bin mir nach dem ersten Kurs nicht sicher, ob ich ihn da nochmal sehen werde.

Inge

Inge ist zwar beim ersten Kurs auch nervös, aber schon Reha-Vollprofi. In der Umkleide nach dem Kurs blüht sie auf und wird auf einmal redselig. Sie zeigt mir ihren Kuscheltieranhänger und erzählt mir, dass sie viele Übungen schon von der Kur kennt. Sie ist Rentnerin und ihr Mann muss such nur noch ein halbes Jahr arbeiten. Wir laufen gemeinsam zum Bahnhof und ich sehe, wie traurig sie guckt, als ich sage, dass ich durch meinen anstehenden Urlaub oftmals auf Montag oder Mittwoch umgebucht habe.  Wir reden noch ein wenig über das Wetter und Krankheiten, dann biege ich zur Drogerie ab. Ein freundliches Winken bis Ende August bleibt.

Nicole

Wenn man dann in anderen Kursen an anderen Tagen unterwegs ist, kann man auch schön beobachten, wie so die Grüppchenbildungen sind und wie man inspiziert wird. Montag um 8 Uhr sind alle noch müde, wortkarg und sehr interaktionsscheu. Der Kurs war schweißtreibend, aber im Nachgang mit deutlich weniger Muskelkater verbunden. Ich wollte gerade das Nupsirad mit den Knautscheflächen in den Schrank räumen und die Trainerin fragen, wie der Fachbegriff für das Nupsirad mit den Knautscheflächen ist (Pilatesring). Nicole war schneller.

Direkt geduzt (sind ja Sportsfreundys!), werde ich von Enola in Kenntnis gesetzt, die wohl auch in dem Seniorenheim arbeite und auch so bunt und flippig aussieht. Mein Herz wird ganz warm bei der Vorstellung, dass alle Leute, die ausgefallen aussehen sich doch kennen müssen. Ich gebe mich als auch im Gesundheitswesen arbeitend zu erkennen und der Ton wird noch herzlicher. Ich lasse liebe Grüße an Enola zurück und werde mich beömmeln, wenn wir uns doch einmal begegnen. Vielleicht ja auch beim Rehasport nach einem Arbeitsunfall im Pflegeheim.

Ursula

Ursula ist eine zierliche, kleine Frau, die auch ihre mindestens 60 Lebensjahre zusammen bekommt. Sie kommt in den Raum, geht alle Namen durch und sorgt für eine lockere Atmosphäre, die aber auch durch eine sehr klare Stimme bestimmt wird. Sie strahlt Energie und Leichtigkeit aus. Ich nehme als Einzige neben ihr, das schwerste Theraband und sie freut sich richtig mich zu knechten äh fördern. Für jede Übung hat sie einen lässigen Spruch. Sie macht alle Übungen mit und kommt weder ins Schwitzen, noch bleibt ihr die Luft weg. Sie könnte wahrscheinlich Stunden in einem Unterarmstütz verharren, ohne eine Miene zu verziehen. Was für eine unfassbare Person. Ich wollte sofort, dass sie stolz auf mich ist.

Und dass war sie auch, ha! Sie blieb nicht vorn, sondern hat genau geguckt wie die kooperativen bis motivierten Teilnehmenden die Übungen umsetzen und hat immer nach Absprache auch Korrekturen vorgenommen. Ihr Adlerauge hat genau gesehen, wann meine rechte Körperhälfte für die linke kompensiert, wann meine Hüfte schummeln will und ich mal schief war. Aber sie hat auch gelobt, wie toll gerade meine Beine sind und wie gut ich durchhalte. So brauche ich das. So macht mich das glücklich.

So bitte noch ein Jahr weiter Dank ärztlicher Verordnung. Ich liebe es.

Soundtrack zur Lesebegleitung:

  1. Scheiß AFD Jodler – Corner Chor
  2. Evanescensce feat. K.Flay – Fight Like A Girl
  3. Young MC – Know How
  4. BLACKPINK – JUMP
  5. Kafvka, Antifuchs – Alexa Alexa Antifascista

Wenn ihr Wunschthemen, Anregungen und Pöbeleien habt oder in den Genuss der Superpower des Weltbeste-Mixtapes-Machens kommen wollt, dann sendet eine Nachricht an:

Über Mina Rabenalt

Mina Rabenalt wurde geboren in Berlin Friedrichshain im Jahre 1993. Aufgewachsen an der Warschauer Brücke und an der Rummelsburger Bucht, war sie schon immer da, bevor es cool wurde und man es sich nicht mehr leisten konnte. Sie arbeitet derzeit als Therapeutin.

Alle bisherigen Kolumnen findest du hier.

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