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Ich bin müde

von Mina Rabenalt • 03.12.2025

Ein Kampf, der dauerhaft anhält, wenn man in verschiedenen Einrichtungen wie Wohngruppen oder Seniorenheimen arbeitet. Wie halte ich das System aus, wenn ich einen moralischen Kompass habe? Und wie halte ich es aus Ungerechtigkeiten wahrzunehmen und zu beobachten, dass es nie zu einer gerechten Sanktion fürs Arschlochtum kommt?

Das Ende des Jahres geht ja auch immer einher mit dem Ende der Nerven. Ich zähle die Wochen herunter bis zum Urlaub. Nur noch zwei und dann können alle mich bis Anfang Januar gerne haben. Dann können sich die Dinge setzen und ich meine Batterien aufladen, um gewappnet zu sein. Gewappnet für das tägliche Ausmaß an selbstverständlicher Verrohung. Ich arbeite mit Menschen, nur arbeiten um mich herum so viele andere Menschen, die stattdessen denken, sie arbeiten mit Fleischblöcken. Ein Plädoyer für Menschlichkeit und auf das Recht sanft behandelt zu werden.

Ich führe meine Lieblingsdame zu Kaffee und Kuchen, wie jedes Mal nach der Therapie. Wie immer tänzeln wir um die Frage, warum ich denn nichts bekomme und wir enden immer mit dem Kompromisskeks, den ich nicht ausschlagen darf. Wir lachen viel, während ich sie von oben bis unten nach Spuren von Gewalt absuche. Er ist wieder im Dienst. Seit Jahren im Unternehmen, seit Jahren Vorwürfe von Gewalt bis Diebstahl, seit Jahren die typische Argumentationskette, die mit den Worten „Aussage gegen Aussage, da können wir nichts machen“ beginnt. Wie es normal geworden ist, dass ich nicht mehr als Therapeutin arbeite, sondern eher als Privatdetektivin. Immer eine Notiz auf dem Handy, um Vorfälle zu dokumentieren. Die Spitze des Eisberges. Während all die Situationen in Vergessenheit geraten, die noch nicht Anstoß genug hervorbringen.

Was ist den Menschen, die angeschrien werden, weil sie es wagen zu fragen, ob man ihnen beim Toilettengang helfen kann?

Was ist mit den Menschen, die beim Mittagessen nur die Hälfte bekommen, weil das Essen nicht für alle Bewohnys reicht?

Was ist mit den Menschen, die nach einem Krankenhausaufenthalt einfach nicht mehr aus dem Bett mobilisiert werden und ihnen das eigenständige Laufen mit Gehhilfen abtrainiert wird?

Was ist mit den Menschen, die drei gefüllte Trinkbecher neben ihrem Bett zu stehen haben, aber niemand dafür sorgt, dass diese Flüssigkeit zugeführt wird?

Es gibt Tage da bin ich fast überrascht, wenn auf Weitergabe eines Gesuchs eines Patienty das Pflegepersonal mit Empathie und Engagement antwortet. Manchmal macht es mich traurig, wie schnell diese Personen vom System verschlungen werden und komplett desillusioniert ausgespuckt werden. Ich habe das Gefühl, der Kreis der Solidarisierten wird immer enger. Und es wird immer schwieriger dem standzuhalten. Man wird zynischer und härter in der Sprache.

Auch wenn ich noch nie erlebt habe, dass die Weiterleitung von solchen Informationen an die höheren Instanzen gerechte Konsequenzen nach sich zog. Viel Gelaber um nichts. Wir können bei dem Mangel doch niemanden herauswerfen. Die arme Person ist doch nur kurz vorm Burnout. Es sind ja nicht mal blaue Flecken zu sehen, dann kann es ja nicht so schlimm sein. Blablabla.

Und ich? Ich versuche so vielen Menschen, wie möglich den Alltag zu verschönern. Vorerst. Und ich bleibe berührt, wenn ich im neuen Jahr wiederkehre und die Akten der Verstorbenen aus meinem Ringbuch nehme.

Soundtrack zur Lesebegleitung:

  1. Lady Gaga – Christmas Tree
  2. Goldspot – Float on
  3. Destinys Child – Carol of the Bells
  4. Mariybu – Merry Christmas LOL
  5. The Beach Boys – The Man With All The Toys

Wenn ihr Wunschthemen, Anregungen und Pöbeleien habt oder in den Genuss der Superpower des Weltbeste-Mixtapes-Machens kommen wollt, dann sendet eine Nachricht an:

Über Mina Rabenalt

Mina Rabenalt wurde geboren in Berlin Friedrichshain im Jahre 1993. Aufgewachsen an der Warschauer Brücke und an der Rummelsburger Bucht, war sie schon immer da, bevor es cool wurde und man es sich nicht mehr leisten konnte. Sie arbeitet derzeit als Therapeutin.

Alle bisherigen Kolumnen findest du hier.

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