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Der Weg des Kreativeskapismus

von Mina Rabenalt • 07.01.2026

Aufgemacht gen Koblenzer Umland habe ich mich Mitte Dezember, um mich meinen Kreativdämonen zu stellen. Mission: Roman.

Es gibt immer diese Freundys, die einfach aus Berlin wegziehen. Und es gibt die, die dir zum Geburtstag noch einen Bahngutschein gönnen und mit dir wirklich einen festen Termin ausmachen. Und dann gibt es die, die dann auch noch vorher mit dir alles planen und Wochenziele mit dir entwickeln und an dich glauben. Als ich meinen Zug gebucht hatte, war klar: Ich werde vom 12. bis zum 23. Dezember aufs Dorf kommen, um den Traum des Romans zu verfolgen.

Monate zuvor begann ich alle gesammelten Notizen, die wild in einem Hefter seit locker 15 Jahren gesammelt werden, zu digitalisieren. Geordnet in eine Mindmap und einem Dokument für Textfragmente. Während ich dies alles entzifferte und abschrieb, merkte ich bereits, was da für Gefühle und Szenen in meinem Kopf spukten. Dinge, die ich lange nicht mehr auf dem Schirm hatte. Das war Arbeit und ich wusste, warum ich mich die ganzen Jahre darum gedrückt habe.

Angekommen im Dorf ging jedoch alles ganz schnell. Am ersten Tag drei mögliche Ideen der wunderbaren Gastgeberin vorgestellt und direkt gemerkt, wohin mich mein Bauchgefühl führt. Grobe Kapitelordnung, Playlist und Notizzettel und dann wagte ich mich an die eigentliche Hürde. Einfach machen und vor allem regelmäßig machen. Jeden Tag 1000 Wörter. Ich bekam einen Zählklicker und eine Kerze. Bevor ich an den Laptop setzte, wurde gut gegessen und dann lass die Hausherrin das Ergebnis vom Vortag. Wir besprachen, wir veränderten, wir lobten und danach zündete ich meine Kerze an und sobald ich mein erstes Wort schrieb, bediente ich den Zählklicker.

Und wieder einen Tag mehr geschrieben! Auch dort spürte ich Widerstände. An manchen Tagen verlief es mehr als zäh, an anderen hatte ich meine 1000 Wörter flott beisammen. Ich machte Pausen, lenkte mich mit zeichnen oder Gemeinschaftszeit ab und beendete danach mein Tagesziel. Aufgeben war keine Option. Meiner Angst, dass jetzt herauskommen wird, dass ich nur aufschneiderisch tätig bin und überhaupt nicht in der Lage so ein ambitioniertes Projekt anzugehen, wurde nicht stattgegeben.

Es hiess, wenn du nicht schreiben könntest, dann würdest du ja nicht schreiben. Da ich das aber brav jeden Tag gemacht hatte, konnte ich mich diesen Gedanken nicht hingeben. Kein Raum dem Selbstzweifel. Und jetzt weiß ich, wenn ich das Tagesziel durchziehe, dann werde ich Anfang April einen fertigen Roman in meinen Händen halten. Das ist ein Stolz, den ich zuvor noch nie gespürt habe. Es fühlt sich gross an. Ich werde diesem Gefühl trauen.

Soundtrack zur Lesebegleitung:

  1. The TCHIK – Du bist ‘ne Geile!
  2. Zorch und Kurt – Dackel (der eine 2005)
  3. Edgar Wasser – Weiss
  4. Kinky Boots Ensemble – Land of Lola
  5. Alec Empire – Addicted to you

Wenn ihr Wunschthemen, Anregungen und Pöbeleien habt oder in den Genuss der Superpower des Weltbeste-Mixtapes-Machens kommen wollt, dann sendet eine Nachricht an:

Über Mina Rabenalt

Mina Rabenalt wurde geboren in Berlin Friedrichshain im Jahre 1993. Aufgewachsen an der Warschauer Brücke und an der Rummelsburger Bucht, war sie schon immer da, bevor es cool wurde und man es sich nicht mehr leisten konnte. Sie arbeitet derzeit als Therapeutin.

Alle bisherigen Kolumnen findest du hier.

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