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2026 im Widerstand

von Mina Rabenalt • 04.03.2026

Es gibt Momente, die fühlen sich an wie eine gottverdammte Spiegel-Reportage. Und sie lösen in mir ein mulmiges Gefühl aus. Ein Erspüren von Härte und Geistern der Vergangenheit. Ein Plädoyer des Aufmuckens.

Ich habe meinem Lebenskomplizen am Wochenende die Haare Meerjungfrau-farben gefärbt. Irgendwo zwischen türkis und grün. Dazu ein neues grünes Piercing. Ich dachte, ich könnte die ganze Kolumne davon schwärmen, aber nein. Er fuhr in seinem grünen Wagen vergnügt eines Morgens nach Hause und eine halbe Stunde später erreichte mich die Sprachnachricht. Er klang aufgebracht. Da habe sich wohl ein Auto vorgedrängelt. Der Fahrer habe das Fenster heruntergekurbelt und das White-Power-Zeichen gezeigt. Und danach ist er weiter wie Sau durch die Gegend gefahren. Bitte was? Ich war schockiert. So weit ist es. Ein weiterer Meilenstein des Alltags, der den Rechtsruck verdeutlicht.

Mein Lebenskomplize war sich nicht sicher, ob es nicht doch als Dank (Okay-Zeichen) gemeint war, aber er hat ja das ganze auf Dashcam aufgezeichnet. Wir schauten es uns an. Die Herrenrasse hatte unmissverständlich die Fingerchen weit gespreizt. Das war ein bewusstes Statement. Ich musste an die Dokus denken, die ich als Teenie geguckt habe über den Dreckshaufen. Wie weit weg sich das angefühlt hat. Wie selbstverständlich alle in meiner Sozialisation gegen Nazis waren. Wie meine Almanseele den Faschofahrer wenigstens wegen der verschiedenen Verkehrsdelikte anzeigen möchte.

Ich musste an meine letzte Begegnung vor meiner Arbeitsstelle denken, wo die Armleuchter mir entgegenkamen, ganz im 90er Retrovibe mit Glatze, Bomberjacke und Stiefelchen. Natürlich den ganzen Gehweg einnehmend. Der Kampfgeist ist größer als je zuvor! Meine beste Motivation für sportliche Betätigung ist das Gesicht eines Nazis, nachdem ich zurückgeschlagen habe. Ich will groß und breit wirken. Keine arische Pilatesmaus, die kurz vorm Zerbrechen ist.

Mein Körper ist Widerstand. Meine Kleidung ist Widerstand. Mein Blick und meine Präsenz ist Widerstand. Mein Kotzgeräusch, was ich mache, wenn ich an euch vorbeigehe ist Widerstand. Und ich warte nur auf den Moment, wo ihr mich unterschätzt. Macht eure beschissenen Zeichen, nehmt den Raum ein, so dass es wieder normal ist, dass ihr durch die Gegend patrouilliert. Ich bin da und ich werde euch auslachen.

Soundtrack zur Lesebegleitung:


  1. Dazzle, Tacka77 – Adhs
  2. Mehnersmoos – Nachteule
  3. Bob hund – nu är det väl Revolution på gang?
  4. Nur Drama – Vampir
  5. Peaches – Not in your mouth None of your Business

Wenn ihr Wunschthemen, Anregungen und Pöbeleien habt oder in den Genuss der Superpower des Weltbeste-Mixtapes-Machens kommen wollt, dann sendet eine Nachricht an:

Über Mina Rabenalt

Mina Rabenalt wurde geboren in Berlin Friedrichshain im Jahre 1993. Aufgewachsen an der Warschauer Brücke und an der Rummelsburger Bucht, war sie schon immer da, bevor es cool wurde und man es sich nicht mehr leisten konnte. Sie arbeitet derzeit als Therapeutin.

Alle bisherigen Kolumnen findest du hier.

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