von Mina Rabenalt • 03.06.2026
Manchmal hat man auch mal Glück und ein Mensch sagt einen Termin ab, der dann einem selbst angeboten wird. Monate Wartezeit müssen nicht mehr bewältigt werden. Nun aber von vorn, was ist geschehen?
Ich tippe eine E-Mail:
Liebes Team vom MVZ
Ich habe mit 15 Jahren eine ADHS-Diagnose erhalten, habe aber keinerlei Unterlagen davon. Jetzt als Erwachsene möchte ich es nochmal mit einer Bedarfsmedikation versuchen und benötige eine erneute Diagnostik.
Ich bin dafür zeitlich flexibel und nehme auch eine Wartezeit selbstverständlich in Kauf.
Mit freundlichen Grüssen
Mina Rabenalt
Ich komme mir vor wie in der Schule, wenn ich meine Hausaufgaben vergessen habe, weil die griechische Landschildkröte auf sie gepinkelt hat. Ich erhalte einen Tag später eine Zusage zur Warteliste, die ein Jahr Verharren prognostiziert. Dann die Überraschung im Mai, ich rücke auf, da jemand abgesagt hat. Ich sage sofort zu und bin sehr dankbar, dass ich auch innerhalb einer Woche spontan und unkompliziert frei beantragen kann. Dann die Hausaufgaben: Online-Fragebögen, die sowohl ADHS, Autismus und Persönlichkeitsstörungen abdecken. Zwei Fremdanamnesen durch meine Mama und meinen Lebenskomplizen, die spannenderweise von den Kreuzen her ein Spiegelbild ergeben. Der derzeitige Stand wird als sehr auffällig wahrgenommen, die Kindheit als absolut unauffällig.
Ich beackere noch einen Fragebogen und versuche die verschiedenen Auffälligkeiten in der Familie bündig zusammenzufassen. Ich möchte eine gute Patientin sein. Zum großen Tag der Diagnostik soll ich auch meine Zeugnisse mitbringen. Bevor ich sie in meine Tasche gleiten lasse, muss ich nochmal durchblättern. Ich spüre das Leid, welches die Institution Schule in mir auslöst. Wie unauffällig die Grundschulzeugnisse sind. Ich lese «verträumt», «hilfsbereit» und dass meine «ruhige Art positiv zum Klassenklima beiträgt». Ich sehe die motorisch unruhigen Jungs, die immer neben mich gesetzt wurden und wie ich es so plausibel finde, dass ich Ergotherapeutin geworden bin. Ich blättere weiter zur Oberschule. Schlagartig viele Vieren und Fünfen und der halbjährliche Kampf um die Versetzung. «Zu wenig Beteiligung», «muss an ihrem Selbstwertgefühl arbeiten und mehr mündlich mitarbeiten», «vergesslich». Ein Wunder, dass ich Abitur geschafft habe. Ich denke oft, dass ich nicht recht rekonstruieren kann wie ich einen Schulabschluss, aber auch eine Ausbildung absolviert habe. Irgendwie durchkommen.
Dreieinhalb Stunden mich bewerten, einschätzen und labern führten zu keiner Überraschung. Die Diagnose ist weiterhin bestätigt, nur dass ich nun die Option habe, Medikation auszuprobieren. Ich spürte Erleichterung im Auswertungsgespräch. Und Mitgefühl für das Kind, was das alles irgendwie geschafft hat, trotz der ständigen Misserfolge. Und ich habe Verständnis für mich als Erwachsene, die in einer Fortbildung sitzt und dass ausschließlich auf einem Gymnastikball aushält, während sie dabei zeichnet. Und ich versuche es auszuhalten und mir zu vertrauen, auch wenn ich mir zu heute eine Deadline für eine Hausarbeit gegeben habe und ich bis auf die Einleitung (gestern geschrieben) und dem Literaturverzeichnis nichts hingeschissen bekommen habe und nun doch wieder mit Zeitdruck arbeiten muss. Egal wie gut du deine Skills aufgebaut hast, es ist ein Struggle und es darf auch ein Struggle sein. Bock habe ich trotzdem nicht, aber stattdessen einen tollen neuen Hyperfokus: Mein Futterhaus für Vögel inklusive Kamera. Da gucke ich jeden Tag in der App, wer so zu Besuch war und ziehe meine Freude daraus. Alles fühlt sich rund darum leicht an und ich sauge das Wissen automatisch auf. Ich warte wohl noch ein bisschen auf den Hyperfokus auf die Hausarbeit.
Wenn ihr Wunschthemen, Anregungen und Pöbeleien habt oder in den Genuss der Superpower des Weltbeste-Mixtapes-Machens kommen wollt, dann sendet eine Nachricht an:
Über Mina Rabenalt
Mina Rabenalt wurde geboren in Berlin Friedrichshain im Jahre 1993. Aufgewachsen an der Warschauer Brücke und an der Rummelsburger Bucht, war sie schon immer da, bevor es cool wurde und man es sich nicht mehr leisten konnte. Sie arbeitet derzeit als Therapeutin.
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