von Mina Rabenalt • 01.07.2026
Bisher war ich selten und unregelmässig mit dem Tod konfrontiert. Wobei, das stimmt nicht. Er ist allein beruflich ein stetiger Begleiter. Doch der Umgang ist im Wandel.
Ich sage es wie es ist: Dass in vielen Seniorenheimen maximal im Gruppenraum ein Ventilator pro Station steht, halte ich für unterlassene Hilfeleistung. Sowohl für die Bewohnenden als auch die Mitarbeitenden. Wenn ich jede Therapie mit gemeinsamen Trinkeinlagen, Fussbädern und kalten Waschlappen verknüpfen muss und meine Lieblingsbewohnerin vor hitzebedingten Schmerzen weint, dann ist schnell moralisch Schicht im Schacht. Die Ohnmacht setzt ein, weil man nicht an den Hebeln der Macht sitzt, aber die nach Luft ringenden Pflegefachkräfte und die Bewohnenden sieht. Und ich ging am Dienstag in die Einrichtung und ich wusste, dass da etwas auf mich wartet.
Ich drehe mich um zu den Todesanzeigen und sehe zwei Klientys dort hängen. Bei beiden hätte ich mir Sterbehilfe gewünscht. Ich möchte nicht in die Details gehen, warum diese zwei Menschen Schritt für Schritt ihre Würde verloren haben. Ich möchte sagen, dass jeder Mensch, egal ob aufgrund des Alters oder einer (schwerwiegenden) Krankheit ein Stück weit Würde genommen bekommt. Ich tröste meine Lieblingsbewohnerin, die aufgrund der Hitze Schmerzen hat und deswegen ununterbrochen weint. Zurecht.
Wo sind die Klimaanlagen in sozialen und medizinischen Einrichtungen? Wie viele Hitzewellen werden noch als grosse Fete mit Wasserstrahlabkühlung von der Polizei abgefeiert? Ich gehe Blutspenden und habe eine Panikattacke. Ich denke mit Sorge an das 40-Grad-Wochenende. Ich spüre selbst Angst ohnmächtig zu werden. Ich merke das viele Komponenten mich dünn wie ein Blatt Papier fühlen lassen und alles strömt ein.
Zukunftsangst wegen Klima und den nicht vorhandenen Massnahmen, Rechtsruck, Gerichtsverfahren, die beweisen, dass schlimme Mütter immer noch mit ihren Kindern machen dürfen, was sie wollen und gute Väter da keine Chance auf Gleichberechtigung haben, Trauerbewältigung, Änderungen im gut eingespielten Team, Jugendämter, die verweigern Jugendlichen zu helfen, die sich an sie wenden.
Ist es da nicht eher ein Anzeichen von Empathie und Vernunft darauf mit einer Panikattacke zu reagieren? Angst vor der Angst, natürlich seit Mittwoch inklusive. So hat die ungefilterte Weltlast auf meinen Schultern gewonnen und ich durfte von meinem Lebenskomplizen aus der Praxis vom Boden gekratzt werden.
Und nach 40 angerufenen und angeschriebenen Psychiaterys und Neurologys, wo von alle abgesagt haben, entweder wegen fehlender Kapazitäten oder weil sie sich verweigern ADHS zu behandeln, habe ich nun heute nach der nächsten Panikattacke verheilt von der Hausärztin einen Dringlichkeitscode erhalten. Mit diesen wurde ich auch zunächst in einer Praxis abgewiesen. Und war wenigstens online ein Termin frei.
Deutschland und sein Passierschein A38. Der Wille, anstatt schnelle Massnahmen zur Bekämpfung von Tod und Leid und wirtschaftlichen Ausfall, alles langsam verrotten zulassen.
Ich will nicht Teil davon sein. Ich möchte stabil sein, um meine Arbeit und meine Ehrenämter gut zu machen. Um einen Unterschied zu machen. Also gebt mir jetzt endlich meine Medikation! Anders hält man den Scheiss doch nicht aus.
Ich muss umgehen lernen mit dem Verlust. Ich muss mir den Raum geben einen eigenen Weg zum Trauern zu finden. Ich muss es akzeptieren, dass jetzt einfach alles zu viel ist und ich weinend in irgendwelchen Praxen stehe.
Wenn ihr Wunschthemen, Anregungen und Pöbeleien habt oder in den Genuss der Superpower des Weltbeste-Mixtapes-Machens kommen wollt, dann sendet eine Nachricht an:
Über Mina Rabenalt
Mina Rabenalt wurde geboren in Berlin Friedrichshain im Jahre 1993. Aufgewachsen an der Warschauer Brücke und an der Rummelsburger Bucht, war sie schon immer da, bevor es cool wurde und man es sich nicht mehr leisten konnte. Sie arbeitet derzeit als Therapeutin.
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