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Der Sommerrant aus dem Urlaub

von Mina Rabenalt • 05.08.2026

Urlaub hat die Funktion des Auftankens der Energiespeicher. Runterkommen und einfach sehr viel weniger Dinge, um die man sich kümmern muss. Oder darüber nachdenken muss. Aber aufregen geht natürlich immer.

Seit meiner Kindheit trifft man mich regelmäßig in einem Strandkorb an. Dann wird natürlich viel geplantscht, viel gelesen oder geschrieben. Das ist für mich den Inbegriff von Seelenfrieden. Füsse im Sand vergraben und immer wieder mal wegnippern. Das Wetter kann am Meer sehr unstet sein und so kann trotz Sonne der Wind so sehr pfeifen, dass die Wellen höher steigen und in aller Pracht und Lautstärke am Strand zerbersten.

Für gewöhnlich schaue ich regelmäßig wie die Fahnen beim Turm der DLRG (Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft) behangen sind, doch in diesem Fall ertönt eine Ansage durch die Lautsprecher. Die rote Flagge gehisst, ist klar, Baden und Schwimmen ist verboten. Dachte ich jedenfalls und kenne es auch aus der Kindheit, dass es da nichts zu diskutieren gibt.

Tage zuvor war ich selbst bei gelber Flagge ins Wasser gegangen und habe schnell meine Grenzen gespürt. Der Weg hinein gestaltete sich durch die unebenen Löcher und dem harten Rückstoss der Wellen als Herausforderung. Es gab auch keinen Bereich nach den Wellen, wie ich es sonst gewohnt war, wo man dann entspannt schwimmen kann. So war ich knapp bis zum Bauch im Wasser und wurde von Wellen erfasst, die locker bis zu meinem Hals gingen. Und ich merkte die Kraft der Natur als ich versuchte zurück zum Strand zu gehen und immer wieder durch die aufbäumende Wassermasse nach hinten gezogen wurde. Es war eine grosse Anstrengung von Nöten da einen Meter gen Strand zurückzukommen. Ich konnte das Gefahrenausmaß spüren und entschied mich an dem Tag nicht nochmal ins Wasser zu gehen.

Zurück zu heute, wo nicht die gelbe Fahne weht, sondern absolutes Badeverbot ausgesprochen wurde. Mein Blick schweift nach rechts und ich sehe zwei Boomer Boys und zwei Teenie Boys ins Wasser gehen. Maximal fünf Minuten nach Ansage. Dann folgt noch eine ältere Dame hinein und ich sehe die ersten Familien, wo anstatt Flaggenkunde und Bildung lieber die Diskussion mit dem Kind, warum es jetzt nicht baden darf, vermieden wird. Zwei höchstens 9-jährige Jungen rennen komplett unbeaufsichtigt ins Wasser, werden direkt von der ersten Welle erfasst und lachen sich scheckig als sie wieder angespült werden. Der eine hustet sich das Wasser aus dem Leibe. Bei beiden sehe ich keine Schwimmbewegungen oder einen Hauch einer Schwimmausbildung und auch nie eine Aufsichtsperson.

Das Vorschulkind vor mir hat sich den Weg zum Wasser auch durch Schmollen erfolgreich erkämpft und liegt nun im Wasser und lässt sich von den Wellen überrollt. Der Vater steht mit den Händen in den Hosentaschen fünf Meter entfernt im Sand. Sobald das Kind weggespült werden würde, ohne Schwimmflügel oder Weste, würde der Held sein Kind erfolgreich ertrinken lassen. Aber es hat wenigstens immer seinen Willen bekommen. Dann schaue ich nach links zu einem wahrscheinlich 10-jährigen der mit seiner Schaufel keine Burg baut, sondern versucht die Möwen zu schlagen und die Ungläubigkeit und Wut über diese Menschheit ist komplett.

Ich habe das Gefühl, jeder benötigt eine eigene persönliche Ansage, ansonsten fühlt man sich einfach nicht angesprochen. Wenn dann aber wirklich was passiert, dann wäre das Geschrei wieder groß. Dann wären die Rettungskräfte schuld, die wegen solchem Dummvolk ihr Leben riskieren müssten. Ich denke es müssten alle Menschen als Pflichtprogramm «In höchster Not» oder «Feuer und Flamme» schauen und sich in Demut üben. Dann müsste ich mich nicht mehr so oft über Menschen aufregen.


Soundtrack zur Lesebegleitung:


  1. Chaka Demus, Pliers – Murder She Wrote
  2. Team Scheisse und Audio88 – Friedrich Merz
  3. The Toten Crackhuren im Kofferraum – Nackt auf dem Balkon
  4. Oliver Tree – Freaks and Geeks
  5. Bob Hund – Dansa efter min pipa

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Über Mina Rabenalt

Mina Rabenalt wurde geboren in Berlin Friedrichshain im Jahre 1993. Aufgewachsen an der Warschauer Brücke und an der Rummelsburger Bucht, war sie schon immer da, bevor es cool wurde und man es sich nicht mehr leisten konnte. Sie arbeitet derzeit als Therapeutin.

Alle bisherigen Kolumnen findest du hier.

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