von Mina Rabenalt • 03.09.2026
Es soll ja da draußen diese Einhörner geben, die sicher gebunden sind und sich nicht erst ein adäquates Bindungsverhalten erarbeiten müssen. Ich gehöre leider nicht dazu. Nach einigen Jahren des an-mir-Arbeitens folgt nun das Endresultat: Ich habe mich nach 3 1/2 Jahren getrennt. Eine Reflexion.
Ich kann mich noch sehr an diese unbändige Sehnsucht nach Liebe erinnern, die ich seit der Jugend bis in meine Zwanziger getragen habe. Ich hatte eine enormen Leidensdruck und fühlte mich jeden Tag bestätigt, dass ich zu hässlich oder zu dumm sei und deswegen keine Person freiwillig mit mir eine Beziehung eingehen würde. Tatsächlich war aber genau diese Erzählung das Problem. Es gab einige Menschen, die ganz klar Interesse an mir gezeigt haben. Und ich bin gerannt oder habe von vornherein sabotiert, weil die Angst vor Verletzung und echter Intimität zu groß war. Ich war gar nicht offen für Liebe. Ich stürzte mich in Schwärmereien. Hauptsache, die Person ist unerreichbar. Hauptsache, ich muss erstmal überzeugen, dass ich eine gute Partie bin. Kämpfen dafür. Und so war mein Gedanke bei der Beziehung davor: «Ich probiere es noch einmal und wenn das nicht klappt, bin ich halt Katzenlady.» Nach wenigen Monaten war ich verheiratet. Nach knapp drei Jahren war ich geschieden. Ich hätte viel früher rennen müssen, aber die Angst zu zerbrechen und die vor der Zukunft waren größer. Und es gab Abhängigkeiten, da ich keine eigene Wohnung mehr hatte, ich war zu der Zeit noch mitten in der Ausbildung und er war signifikant viel älter. So viele Grenzen, die ich damals in mir nicht spüren konnte.
Karma meinte es jedoch gut mit mir und so habe ich in Berlin nach einer Woche eine Wohnung bekommen. In einer Genossenschaft, aus Mitleid, weil sie während des Vorstellungsgesprächs auf meinen damaligen Lohnzettel lugten.
Ich schwamm mich frei, probierte neue Sachen aus, landete in meinem Hobby. Mein Muster sprang wieder an und die Schwärmerei für eine unnahbare Person mündeten wieder in einem Korb. Ich ging mit mir hart ins Gericht und schwor mir, nie wieder auf diesen Impuls meines Gehirns hereinzufallen. Ich werde dieses Muster durchbrechen! Ich renne nicht mehr hinterher und ich laufe selbst nicht weg, wenn jemand Interesse an mir zeigt, nur weil ich noch gar keine Gefühle für diese Person habe.
Schnell kam der Moment, wo jemand um mich warb. Ich ließ es zu und hielt auch die Zeit aus, wo bei mir kaum Gefühle vorhanden waren, mein Gegenüber aber schon volle Möhre in Love war. Und dann war ich auch in Love und dachte, ich habe mein Muster überwunden. Närrin!
Ich wollte alles besser machen als in der Beziehung davor. Alle drei Monate Beziehungsgespräch, Offenheit für Flexibilität und ganz viel Kommunikation. Doch irgendwie war ich allein am Gestalten und am Schmieden von Zukunft. Und die Einzige, die Probleme ansprach. Erst viel Nähe, dann wieder Rückzug. Vor allem nach Konflikten stand ich allein mit der Beziehung auf den Schultern. Oder wenn ich Fürsorge benötigte. Und wieder kam der Punkt, wo ich hätte rennen müssen. Ein Jahr Beziehungsgespräche und es kam raus, dass nie etwas angesprochen werden konnte, weil ich ja so schnell wütend werde. Ich begann mich mit Traumabums zu beschäftigen und ging in Therapie. Ich löste mich weiter aus Strukturen, die ich inzwischen klar als dysfunktional benannte. Es hieß dann, ich habe mich seit der Therapie verändert. Und das nicht zum Guten. Das sagen auch andere. Auch da hätte ich rennen sollen, aber ein Restteil in mir glaubte die Erzählung, dass ich ja immer das Problem sei.
Und es folgten noch einige Dinge, an denen ich angeblich schuld sei (alles, was negative Emotionen ausgelöst hat). Es folgten zahlreiche Lügen und an einer Hand abzählbare Versuche der Reparatur.
Und irgendwann im Urlaub der Hölle entzog ich mich und fuhr mit dem Fahrrad fort. Ich spürte das Kribbeln und die Gewissheit, dass ich sicher in mir bin. Dass ich unabhängig bin und es mir gut gehen wird, weil ich richtig gut darin bin, mir Freude zu bereiten. Ich wollte mich nicht mehr in ein kleines deprimierendes Leben quetschen, in dem es keinerlei Träume und Visionen gibt. Keine Leichtigkeit, sondern immer nur Dinge an denen ich oder alle anderen schuld sind.
Und so liege ich jetzt in meinem Bett mit dem Therapiekater, der in den letzten Wochen jede Träne aufgefangen hat und bin stolz auf mich. Ich habe mich getraut, dem Urschleim zu begegnen. Ich habe aufgehört meine Beziehung zu gestalten, zu initiieren und zu managen und habe beobachtet, wie dann ein Gerippe übrigbleibt. Ich habe mich dem Gefühl gestellt, zum dritten Mal eine Familie zu verlieren. Ich habe es ausgehalten und konnte jeden Tag spüren, wie mein Umfeld mich auffängt und mir das Gegenteil beweist. Ich falle nicht tief und bin umgeben von echter Fürsorge. Und dafür bin ich extrem dankbar.
Und ich weiß, dass ich das verdient habe, ohne etwas dafür zu tun.
Ich werde nicht mehr dauerhaft für jemanden in Vorleistung gehen. Ich werde meine Grenzen wahren, wenn ich sie spüre, statt alles flexibel anzupassen, nur damit ich als Mensch behandelt werde. Ich werde nicht mehr versuchen einen Menschen dabei zu unterstützen, Dinge zu erlernen, ohne die eine Beziehung überhaupt nicht möglich ist. Ich werde nicht mehr auf eine Person warten, bis sie genug Leidensdruck empfindet, um etwas an sich oder am Umgang mit einem Familiensystem zu ändern.
Ich erlaube mir, einfach nur ein schönes Leben zu haben. Und ich glaube dieser Erzählung nicht mehr, dass ich das Problem bin.
Und ich weiß, wenn ich bald meine letzte Sitzung mit meiner Traumatherapeutin habe, wird sie sehr stolz auf mich sein.
Ich bin es auch.
Wenn ihr Wunschthemen, Anregungen und Pöbeleien habt oder in den Genuss der Superpower des Weltbeste-Mixtapes-Machens kommen wollt, dann sendet eine Nachricht an:
Über Mina Rabenalt
Mina Rabenalt wurde geboren in Berlin Friedrichshain im Jahre 1993. Aufgewachsen an der Warschauer Brücke und an der Rummelsburger Bucht, war sie schon immer da, bevor es cool wurde und man es sich nicht mehr leisten konnte. Sie arbeitet derzeit als Therapeutin.
Alle bisherigen Kolumnen findest du hier.