von Michael Bohli und Alex Wucherer (Illustrationen) • 28.02.2026
KI ist überall, leider. Doch wie gehen wir bei Phosphor Kultur damit um und was bedeutet eine Nutzung solcher Tools für kreativschaffende Personen und uns alle? Eine Annäherung.
Ganz ehrlich: Ich habe es unterschätzt. Wie schnell es gehen, wie unreflektiert es angewandt und in welche Bereiche im Leben es eindringen wird. Tools und Programme, welche mit «künstlicher Intelligenz»* arbeiten, nahmen 2025 in rasanten Schritten zu und sind gefühlt überall.
Die SBB gestaltete Plakatkampagnen mit Bildgeneratoren, die Migros liess KI-Grittibänzen tanzen und Radiostationen begannen ihre nächtlichen Stunden mit computergenerierten Sounds zu füllen. Das verstopft unsere Welt mit digitalem Müll, das generiert ungeahnte Probleme und lässt viele dringliche Fragen unbeantwortet.
Wir bei Phosphor waren zuerst übermütig und haben in unseren Newslettern Motive von Bildgeneratoren inkludiert. Das war falsch und eine unreflektierte Anwendung solcher Websites und Tools. Warum wir das heute nicht mehr tun und was hinter geprompteten Inhalten steckt, beschreiben wir in diesem Beitrag.
Die wirkenden Mächte im Kapitalismus lassen uns besonders in der westlichen Welt glauben, dass uns alles zusteht. Güter, Fahrzeuge, Privatbesitz, Eigentum. Das ist in der Logik des Systems notwendig, um deren Funktion aufrecht zu erhalten. Das Streben nach Überfluss hält die Maschinerie im Gang.
Genau diese Axiome unterstützen KI-Tools, in dem sie dir vorgaukeln, dass du jederzeit das Recht auf audiovisuelle Erzeugnisse hast. Ein Bild für deine Projektarbeit? Ein Gedicht zum Geburtstag? Ein Meme für deine Friends? Die Generatoren liefern.
Doch du hast als Person kein Recht darauf, konstant zu erhalten, was du dir wünschst. Wenn du es nicht selbst gestalten oder umsetzen kannst; oder wenn du zu wenig Geld hast, um es von talentierten und ausgebildeten Personen gestalten zu lassen, dann steht es dir nicht zu.
Der Freiheitsbegriff wird in der Konsumgesellschaft falsch verstanden und gibt dir niemals das Anrecht auf die sofortige Erfüllung jeglicher Wünsche. Das ist Gier und Überheblichkeit. Freiheit funktioniert nur, wenn unsere Handlungen im Gleichgewicht mit der Welt stehen und die Existenz anderer nicht gefährdet.
Du gibst einen Satz ein und wie durch Zauberhand entsteht eine Grafik oder eine textbasierte Recherche. Dahinter steckt keine Magie, sondern eine menschengeschaffene Grundlage. KI-Bots und Tools werden mit einer riesigen Menge an Daten gefüttert, die Texte, Meinungen, Analysen, Bilder, Grafiken und mehr beinhalten.
Das bedeutet: Nur dank der Analyse von menschengemachten Inhalten können neue generiert werden. Jedes Resultat basiert auf Millionen von Grundlagen, welche ohne Urheberrechtsabklärungen untersucht wurden. Stile werden imitiert, Designs übernommen, Kreativarbeit ohne Vergütung vervielfältigt.
Menschen, die im Kreativbereich tätig sind, werden nicht nur umgangen, sondern doppelt ausgebeutet. Ihre Werke werden ohne Einverständnis als Datenbasis missbraucht, ihre zukünftigen Aufträge von Rechenzentren verhindert. Und das alles ohne, dass ein KI-Tool jemals eine Quelle angeben würde.
Ein Klick, ein Resultat. Wir wissen, die Daten wurden ohne Genehmigung verwendet, die Urheberrechte ignoriert und die Tantiemen nicht bezahlt. Doch wem gehören die generierten Inhalte?
Die Frage nach dem Copyright bei KI-Resultaten ist ein Thema, mit dem sich die europäische Politik noch länger beschäftigen wird. Viel dringlicher ist es zu wissen, wem die Tools und Algorithmen gehören, welche angewandt werden. Hinter Chatbots und Applikationen stechen Tech-Firmen, die sich weder regulieren lassen noch eine bessere Welt imaginieren. Für sie zählt nur eins: Profit.
Dafür gehen sie brachiale Wege, unterstützen faschistisch agierende Politik (siehe die Spendenzahlung von Open AI an Trump), werfen Menschenrechte über Bord und zerstören Existenzen. All das unterstützt du, wenn du bei KI-Trends auf Social Media mitmachst oder eine Mail generieren lässt. Mit jeder Nutzung gibst du deine Daten preis und generiest mehr Geld für Millionäre und Milliardäre.
Die Resultate landen blitzschnell auf deinem Screen, was im Hintergrund passiert, bleibt so unsichtbar wie die Algorithmen. Theoretisch, denn eine kurze Recherche reicht aus, um zu zeigen, wie viel Energie und Ressourcen notwendig sind, um die Datenzentren und Rechenfarmen zu betreiben.
2025 stiess die Nutzung von KI-Tools so viel CO2 aus, wie New York City in einem Jahr! Das ist verrückt, schliesslich beinhaltet das ein gewaltiger Strombedarf, der vielfach mit fossilen Energieträgern gedeckt wird. Und das inmitten der globalen Klimakatastrophe, in einer Zeit, in der wir unseren Konsum reduzieren sollten.
Um die Datenzentren zu kühlen, sind zudem riesige Mengen an Wasser notwendig. In vielen Regionen werden dazu Grundwasserströme genutzt, was grosse Regionen austrocknen, Städte verdursten und Leben verkümmern lässt. Die örtliche Bevölkerung schaut in die staubige Röhre.
Wenn du ohne Chatbots keine Mails mehr verfassen, keine Suchanfragen durchführen und keine Probleme mehr lösen kannst, machst du dich obsolet. Für die Arbeitswelt, als Impulsgeber und als Person – KI-Tools können alle bedienen. Sag nein und nutze deine Kreativität und deine Fähigkeiten für neugierige, persönliche und ja, auch nicht perfekte Resultate.
Schlussendlich liegt darin der Reiz: in den menschengeschaffenen Realitäten, in den persönlichen Möglichkeiten. Wer KI benutzt, fügt der Welt nichts Neues hinzu, sondern bewegt sich in vorgegebenen Pfaden, die durch einzelne machtgierige Männer bestimmt werden. Das ist gemäss Künstler David Wojnarowicz eine «Pre-Invented World», also eine bereits geschaffene Welt, in der du keine Macht oder Handlungsfähigkeit besitzt. Deine Existenz wird zu einem Vakuum und austauschbar. Lass dir von den Tech-Bros nicht das Gegenteil einreden, sie wollen Kontrolle, deine Daten und dein Geld.
Es ist «gratis», es ist sofort verfügbar und es lässt deine Ideen wahr werden. Doch die versteckten Kosten sind zu hoch. Wir bei Phosphor stehen für menschliche Kultur, für eine gerechte und soziale Welt. Wir unterstützen keine Projekte, in denen KI verwendet wurde und schreiben nicht über solche Werke. Wir wollen uns mit den Wundern der menschlichen Kreativität beschäftigen, mit Experimenten, Überraschungen und unterschiedlichen Perspektiven. Und das ist mit KI niemals möglich.
Bleibt kreativ, bleibt menschlich.
Wie funktioniert ein LLM? (Fraunhofer IESE) • Automatisierte Gedanken (WOZ) • Energie- und Strombedarf von LLM (Le Monde diplomatique) • ChatGPT als Waffe (WOZ) • CO2-Emmissionen in 2025 (The Guardian) • Wasserverbrauch Datenzentren (The Verge)
*Vieles, was wir als künstliche Intelligenz betiteln, sind in Wahrheit Algorithmen basierte Rechenmodelle wie LLM (Large Language Model), die innerhalb definierter Parameter agieren und nur zugewiesene Aufgaben erledigen können. Frei agierende und denkende Intelligenz kann künstlich bisher nicht hergestellt werden.